Es wäre falsch, wollte man die umfassende Strassenkorrektion der Jahre 1834/35 im Altstadtbereich als reine Untat abtun, weil ihr die alten Stadttore bis auf das Schnetztor zum Opfer fielen. Im Vordergrund standen wirtschaftliche Sorgen und Überlegungen, die nach damaliger Auffassung die Preisgabe dieser Bauwerke rechtfertigten, zumal sie keinerlei befestigungstechnische Funktionen mehr hatten. Zudem wehte auch in Wil der frische Wind der Regeneration, der sich bis in die Niederungen des Tiefbaus bemerkbar machte. Die Sanierung des Strassennetzes bezweckte die Verkehrserleichterung im Bereich der Altstadt. Man wollte, wie schon bei der Strassenerneuerung im 18. Jahrhundert unter Abt Beda, keinen verkehrsfreien Stadtkern. Im Gegenteil, es wurden wirtschaftliche Nachteile befürchtet, sollte sich der Verkehr durch Umfahrung der Stadt neue und bessere Wege suchen müssen. Handels- und Geschäftszentrum war eben die Altstadt.
Hier manifestiert sich die Binsenwahrheit, dass es bei der Erhaltung alter Stadtteile mit denkmalpflegerischen Überlegungen allein nicht getan ist. Auch die wirtschaftlich-soziale Komponente muss berücksichtigt werden, will man nicht alte Quartiere zu toten Museen degradieren.
Das Strassenniveau in der oberen Vorstadt wurde erhöht, um den beschwerlichen Anstieg zur Oberstadt zu erleichtern. Die tiefer liegende Reihe der alten Vorstadthäuser verdeutlicht diese Korrektur, die in der Sohle und auf der innern Seite des Schnetztores ein entsprechendes Absenken der Strassenführung erforderte. Noch sichtbare Folge dieser Massnahme war die Erstellung der ästhetisch wie funktionell eher störenden Mauervorbauten beim Baronenhaus und bei den ersten Häusern links nach dem Eintritt durch das Tor in die Kirchgasse. Neu errichtet wurde rechts nach dem Schnetztor der Terrassenanbau vor dem Hof auf dem Platz des ummauerten Zwinghofes der Pfalz, der etwa bis zur Scheidewand am Gerichtshaus reichte. Auf der Gegenseite der Oberstadt verliess der Hauptweg vor der Korrektion den Stadtkern durch das Schneckentor mit steilem Gefälle nach der unteren Vorstadt in Richtung Toggenburgerstrasse. Die neue, breitere Strassenführung verlief nun in Richtung obere Bahnhofstrasse (früher Winterthurerstrasse), wobei das Schnecken-, Pankratius- und untere Weihertor dem Verkehr geopfert werden mussten. Beim Ausgang der unteren Vorstadt Richtung Rickenbach verschwand das untere äussere Tor, am Stadtausgang nach St. Peter beim "Schweizerhaus" (Friedtalweg 5) das kleine Kuonzentor. Am Gebäude ist der Anstoss der Mauer zum ehemaligen Tor noch vorhanden.
Plan und Gutachten zur Strassenkorrektion stammten vom damaligen Kantonsingenieur Alois Negrelli (Fiera di Primiero 1799-1858 Wien). Dieser Ingenieur aus dem heutigen Trentino erbaute 1839 den oberen Teil des Zürcher Limmatquais vom Helmhaus bis zum Bellevue. Von ihm stammen dort die Verkaufsläden in der Stützmauer unter der Grossmünsterterrasse und der Entwurf für die Münsterbrücke. Negrelli machte sich später einen Namen als Generalinspektor der österreichischen Eisenbahnen und erlangte als Planer des Suezkanals Weltruf.
Im Zuge der Strassensanierung bekamen auch die Brunnen der Stadt neue Steintröge, die in den Jahren 1840-67 ihre Vorgänger aus Holz ersetzten.
(Ruckstuhl, Benno; Die Altstadt von Wil, Wil 1998)



