Die Bezeichnung eines Gebäudes mit Hof erinnert uns an die Anwesenheit längst vergessener Fürsten, die hier als Landesherren amteten. Der Hof war während mehr als fünf Jahrhunderten Fürstensitz, seit dem 15. Jahrhundert zudem Gerichts- und Verwaltungszentrum des Grundbesitzes der Benediktinerabtei St. Gallen in einem ihrer Oberämter, dem unteren oder Wiler Amt. Die Residenz der St. Galler Fürsten gab der Stadt grossartigen, ja bisweilen weltmännischen Glanz. Der Abt hielt in Wil Hof in einer keineswegs mönchischen, aber dennoch genau geregelten Lebensgemeinschaft.
Die Anwesenheit der Fürstäbte als Stadt- und Landesherren brachte Wil den wohlklingenden Zunamen "Äbtestadt", ihrem Herrschaftsgebiet zwischen Rorschach am Bodensee und Wil die noble Bezeichnung "Fürstenland". So besingen denn Dichter Wil gerne als "Äbtestadt im Fürstenland".
Bereits unter den Herren von Toggenburg, den Gründern der Stadt Wil, erhob sich an dieser dominierenden Lage auf dem eiszeitlichen Wallberg ein gemauertes Haus, vielleicht auch ein wehrhafter Wohnturm, den wir uns als den eigentlichen Ausgangspunkt der späteren Stadtanlage zu denken haben. Urkundlich wird der Hof erstmals 1302 erwähnt, als Wil bereits äbtische Stadt war und eben nach dem alles vernichtenden Brand von 1292 wieder aufgebaut wurde.
Zum Bau und seiner Geschichte Der mächtige, burgähnliche Bau ist eines der markantesten Wahrzeichen Wils. Noch spürt man hier wehrhafte Wucht und ahnt die einstige Macht äbtischer Herrschaft. Wesentliche Teile seines Aussehens, so den imposanten Dachstuhl, verdankt der Hof Abt Ulrich Rösch (reg. 1463-91). Bei der 1998 abgeschlossenen Restaurierung stiess man auf Mauerwerk, das früher zu datieren ist.
Das schwere Walmdach wurde Ende des 17. Jahrhunderts zu einem Krüppelwalm umgebaut. Unter ihm erhebt sich über der respektablen Fläche von 850 m2 ein dreigeschossiger, 13 Meter hoher Dachstuhl, ein Prachtswerk spätgotischer Zimmermannskunst. Die dazu benötigte Holzmenge von rund 300 m3 entspricht einem Wald von 120 bis 150 Fichten. Die drei Dachgeschosse dienten als Kornschütte. Nach der "Wiler Chronik des Schwabenkrieges" von Placid Bütler wurden im Hof Mitte März 1499 über 1'000 Malter Vesen (= Korn in der Hülse, im Spelz, also ungedroschenes Korn) gelagert. Das sind bis zu 300 Tonnen Getreidevorräte (1 Wiler Malter = 4 Mütt [oder Mut] = rund 400 Liter. 1 Liter = 0.75 kg). Der Dachstuhl kann im Rahmen einer Altstadtführung besichtigt werden.
Bei der Liquidation der Klostergüter gelangt der Hof 1810 an die Bürgergemeinde Wil und wird noch im gleichen Jahr Privatbesitz C). Von 1815 bis 1982 wurde im ehemaligen Herrschaftssitz eine Bierbrauerei betrieben. 1990 erwarb die Stiftung Hof zu Wil den Hof und seine Nebengebäude. Im gleichen Jahr wurde der historische und kulturelle Eckpfeiler der Altstadt von der eidgenössischen Denkmalpflege als Baudenkmal von nationaler Bedeutung eingestuft. In verschiedenen Bauabschnitten sollen die Gebäulichkeiten restauriert und mit einer breiten Palette von Nutzungen belebt werden. 1998 wurde eine erste Restaurierungsetappe abgeschlossen.
(Ruckstuhl, Benno; Die Altstadt von Wil, Wil 1998) www.hofzuwil.ch Stiftung Hof zu Wil: stiftung.hof@tbwil.ch Gastronomie: info@hofzuwil.ch Führungen: touristinfo@stadtwil.ch






