Geschichte

Wiler Böcke, um 1440

15. Jahrhundert · Geschichte

Seit Ende des 14. Jahrhunderts finden wir in Wil die Unterscheidung zwischen Bürgern und Hintersassen, auch Beisassen, später Schamäuche (= Schmarotzer) genannt. Diese stehen unter gleichem Privatrecht und im gleichen Schutz der Stadt wie die Bürger, zahlen wie diese Steuern, haben aber keine politischen Rechte.

Zu diesen Hintersassen zählen zunächst die Söldner der Stadt, dann ärmere Zugezogene und "Stümper" genannte Handwerker, die keiner Zunft angehören, aber auch Ritter und Ministerialen des Abtes. Die Söldner leisten Kriegs- und Wachtdienst, Aufgaben, die sich seit dem Bund mit den Eidgenossen noch mehrten und die von den Stadtbürgern allein nicht mehr gemeistert werden konnten. Nach dem Beispiel von Zürich formierten sich diese freiwilligen Kriegsknechte zu einer kriegerischen Gesellschaft, die sich Böckezunft nannte. "Es war eine Verbindung der kühnsten Wagehälse zur Ausführung der verwegensten Taten", berichtet Carl Georg Jakob Sailer in seiner 1864 herausgegebenen Wiler Chronik.

Die Wiler Böcke führten zur Zeit des Alten Zürichkrieges (1440-50) einen rücksichtslosen Kleinkrieg mit frechen Überfällen vorab ins Gebiet der Zürcher. Ihre Gewalttätigkeiten machten sie derart gefürchtet, dass sich kaum mehr ein Feind vor Wil wagte, oder dann nur in respektvoller Entfernung. Das Wirken dieser Gesellen brachte vor der eidgenössischen Tagsatzung bittere Klagen ein. Obwohl die Geschichtsbücher darüber diskret schweigen, kann man sich die Not und das Leid vorstellen, die das brutale Treiben der Böcke weitherum brachte.

Die zahlreichen von den Wilern auf eigene Faust oder im Verein mit den Toggenburgern und mit den Schwyzern, ihren neuen Verbündeten, gemachten Eroberungen mussten 1441 und nach dem Frieden von 1450 auf Geheiss der eidgenössischen Tagsatzung Zürich zurückgegeben werden. Diese Machtentfaltung Wils hatte, ohne sie beschönigen zu wollen, ihre gute Seite. Sie stärkte das Vertrauen in den Schutz der Stadt. Die eigenwillige Aussenpolitik wurde jedoch nur mit soldatischer Leidenschaft betrieben. Es fehlte ihr die politische Zielsetzung. Darum reichte es auch nicht zur Errichtung einer Eigenstaatlichkeit, die zu dieser Zeit im Bereich des Möglichen lag.

(Ruckstuhl, Benno; Die Altstadt von Wil, Wil 1998) Bisher fehlte aber der Beleg dafür, dass diese "Böcke" wirklich existierten. Im Stadtarchiv Wil, Buch Akten 1420 - 1588, Sign. 313 wurde nun der erste Beleg gefunden.

Bildarchiv (2)

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Quelle: wilnet.ch