Nach wie vor war der alte Fahrplan wenigstens teilweise noch in Kraft. Abwechslungsweise war das Bad von 10:00 bis 16:30 Uhr für das Getrenntbaden reserviert, d.h. dass z.B. am gewitterschwülen, unterträglich heissen Nachmittag des 23. Juli 1967 Dutzende von Frauen mit ihren männlichen und weiblichen Sprösslingen vor dem Eingang zur Badi warten mussten, bis der Sekuritas-Wärter Bruderer aus dem appenzellischen Spycher den Eintritt erlauben würde. In weiser Voraussicht der immer stürmischeren Forderungen der Quartiereinwohner hatte der Verwaltungsrat einen halbwegs offiziellen Uniformierten engagieren müssen, um Ruhe und Ordnung zu wahren. Ungeduld und Zorn kochten in den sonst so braven und biederen Wilerinnen, wenn sie durch den Zaun etwa ein halbes Dutzend braungebrannter männlicher Badegäste sich im kühlen Schatten räkeln oder im kühlen Nass plantschen sahen. Plötzlich gellte der herausfordernde Schrei zum Angriff: Eine der Frauen überstieg gekonnt und mutig den Zaun, die anderen folgten. Kinder und Babies wurden über den Zaun gereicht, und zum Gaudi der wenigen Männer zogen sich die Frauen blitzschnell um. (Blick, der wie bei allen weltbewegenden Ereignissen auch hier dabei war, spricht von Frottiertüchtern hinter denen sich diese Metamorphose vollzog) - die Besetzung war eine vollendete Tatsache, vor der Securitas-Wärter und Badmeister achselzuckend die Waffen streckten und das Weite suchten.
Am andern Tag vollzog sich die Besetzung mit umgekehrten Vorzeichen: Diesmal waren es die Männer, die den "tollkühnen" Schritt wagten, wozu zu sagen wäre, dass - als Zeichen einer neuen Zeit - die Frauen mit ihrem Mut die Initialzündung mit allen Risiken gegeben hatten.
Schliesslich hätte ja der brave Securitas-Wärter von seinem Schlagstock Gebrauch machen können und der Badmeister war ja auch nicht gerade aus Pappe. Beide versicherten allerdings treuherzig, sie würden nie Hand an eine Frau legen, was sie als wahre Gentlemen auszeichnete. Was die Männer im nachhinein und nach Kenntnis aller einzugehenden Gefahren riskierten, ist doch wohl nur noch ein harmloses Nachspiel gewesen im Vergleich zum kühnen Einsatz der Frauen. Damit fiel das Thema "Getrenntbad" endgültig aus Abschied und Traktanden...
(Schawalder, Arnold; Die Geschichte der Oberen Badi Wil, Wil 1981)
















