Nun aber zu etwas ganz anderem: Es war vorhin die Rede von den Badstuben gewesen, deren Besuch den Samnungsfrauen verboten war. Tatsächlich befanden sich auf der Skala des sittlichen Rufs die Badstuben und die Samnung auf den entgegengesetzten Enden! Es gab im alten Wil, mindestens zeitweise, drei Badstuben: eine im heutigen Haus zum Stadtschütz, eine in der unteren Vorstadt und eine am Weiher. Im Spätmittelalter war der Besuch von Badehäusern überall sehr populär; es gab sie in jeder Stadt und gelegentlich auch in grösseren Dörfern. Die Badenden sassen in grossen Holzzubern, gelegentlich auch in steinernen Trögen oft stundenlang im warmen Wasser und liessen sich von den Badeknechten und -mägden den Rücken schrubben. Manchmal hat man auch ein Brett quer über den Zuber gelegt und darauf gegessen, getrunken und gespielt. Will man den zeitgenössischen Holzschnitten glauben, sassen Männlein und Weiblein oft im Adams- und Evaskostüm und bunt gemischt im Bad; man war da viel ungenierter als in späteren, puritanischeren Zeiten.
Manche Bader übten auch medizinische Funktionen aus, andere wiederum betätigten sich als Kuppler - beides tat der Beliebtheit der Badstuben keinen Abbruch. Tatsächlich galt in manchen Städten der Beruf des Badknechts oder der Bademagd als "unehrlich", weil gewisse Badehäuser mit Bordellen verbunden waren. Das Spätmittelalter war ja recht lebenslustig, ja geradezu lebenshungrig. Manche Forscher sehen hier einen Zusammenhang mit der Pest, die damals in mehreren Schüben Europa terrorisierte - allein im 14. Jahrhundert wurde deswegen die europäische Bevölkerung um mehr als einen Drittel vermindert! War jeweils wieder eine Seuchenwelle vorbei, stürzte man sich um so intensiver aufs Leben.
Dirnen waren denn auch in fast jedem spätmittelalterlichen Stadtbild eine normale Erscheinung. Die Kirche tolerierte sie als "notwendiges Übel". Thomas von Aquin, die massgebende Säule der scholastischen Theologie, sagte - im Anschluss an Augustinus dazu: "Scheidet ihr die öffentlichen Dirnen aus dem Schosse der Gesellschaft aus, so wird die Sittenlosigkeit sie durch Unordnung jeglicher Art erschüttern. Die Dirnen sind für eine Stadt, was die Kloake für einen Palast: schafft man die Kloake ab, so wird der Palast ein unsauberer, von üblen Düften durchzogener Ort."
Mangels Quellen wissen wir über das Alltagsleben im spätmittelalterlichen Wil sehr wenig. Die Frage, ob es auch hier Prostitution gab, kann daher kaum entschieden werden. Unwahrscheinlich wäre sie immerhin nicht gewesen, zumal die Stadt zeitweise auch Söldner beherbergte und an den regelmässigen Märkten ein Anziehungspunkt der Massen war.
Indirekte Hinweise auf Dirnen scheint es aus der frühen Neuzeit zu geben. Damals, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, fing man in Wil an, Ratsprotokolle zu erstellen. In den ersten Ratsbüchern finden sich noch Darstellungen von Streitigkeiten, die in Wirtshäusern wegen anwesender, offenbar recht leichtlebiger Frauen ausgebrochen waren. Letzte Reflexe des Mittelalters? Die späteren Jahrzehnte dieses Jahrhunderts wurden jedenfalls zunehmend strenger. Frauen hatten nun keinen Zutritt mehr zu den Wirtschaften, mit Ausnahme weniger Nachmittage im Jahr sowie natürlich von Familienfesten wie z. B. Hochzeiten.
(Bless-Grabher, Magdalen; Liederliche Weibsbilder, Ehrenjungfern und Frauenzimmer, Wil 1986)