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Obere Bahnhofstrasse: Entstehungsgeschichte

Strassen & Plätze · Raum

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Die alte Landstrasse von Gossau über Oberbüren nach Wil und weiter nach Winterthur war eine bekannte Durchgangsstrasse, ob es nun bewaffnete Truppen des Abtes waren oder die Postläufer- und Reiter, Krämer und Kaufleute mit Ochsengespannen oder wandernde Handwerksgesellen, die sie benutzten. Anlässlich der drückenden Hungersnot von 1770/71 zeigte es sich aber, dass die Strasse den Anforderungen für eine rasche Versorgung der notleidenden Bevölkerung nicht mehr genügte. Im Rahmen der umfassenden Verbesserung des Strassennetzes in der äbtischen "Alten Landschaft" liess Fürstabt Beda Angehrn (geboren am 7. Dezember 1725 in Hagenwil, gestorben am 19. Mai 1796 in St. Gallen, Regierungszeit von 1767 bis 1796) ab 1776 eine neue Strasse über Oberbüren bauen, "damit auch in Kriegszeiten die Kommunikation mit dem Wileramt ... nicht durch das Toggenburg gestört werden konnte." Mit dem Laienbruder Thadäus Kuster prüfte er, "ob und wie eine Strass dortiger enden auf und durch die Statt Wyl zu machen seye".

Angesichts des bevorstehenden Strassenprojektes beschloss am 9. August 1776 der Wiler Stadtrat unter Vorsitz von Schultheiss Franz Anton Gresser, dass durch den Vertreter des Abtes in Wil, den Herrn Hofammann, beim Abt angeregt werden solle, dass die neue Strasse auch wirklich "durch die Statt gezogen werde, als solche Strass mit wenigeren Umkösten wegen in der Nähe liegendem Schutt und Kies, auf durchgängiger Ebne und grade gemacht werden könnte." Die Wiler versprachen dabei, ihr Möglichstes an die Kosten beizutragen. Bis anhin war die Strasse von der Langensteig her direkt gegen die Kirche St. Peter geführt worden, ein Durchzug durch die Stadt konnte nur Vorteile in Form von Zöllen und Abgaben auch für den Abt als Landesherren bringen.Am 9. Oktober 1777 begann man mit dem Bau des neuen Strassenstückes ab dem "Zehentstadel" in Gossau.

Mitte Januar 1778 war die Strasse an die Obere Vorstadt angelangt. Das Kapuzinertor musste verbreitert werden. Als Ausgang gegen Winterthur kamen das Kuonzentor oder jenes bei der Unteren Mühle in Frage, da in diesem Fall nach der Meinung der Behörde auch die Toggenburger wie alle anderen Reisenden durch die Stadt ein- und ausfahren mussten. Abt Beda bevorzugte die Lösung, die Strasse vom unteren Tor geradeaus über die Bleiche anzulegen. Da die Senkung der Strassenoberfläche beim Schneckentor um drei Schuh (1 Schuh = ca. 30 cm) betrug, musste dieses neu gebaut werden. Unterhalb der Mühle mussten drei Scheunen abgebrochen werden.

Durch die gerade Strassenführung musste zudem die Stadtmauer durchbrochen werden und ein neues Tor angelegt werden. Dieses war weniger ein Teil der Befestigungsanlage, sondern diente vor allem als Zoll- und Weggeldstation. Dem Status als öffentlichem Eingang zur Stadt entsprechend wurde es vom Frauenfelder Bildhauer Wirtensohn mit einer Steinstatue des Stadtpatrons St. Pankratius geschmückt, dessen 100-jährige Translation im Vorjahr grossartig gefeiert worden war. Fortan wurde das neue Tor als "Pankratiustor" bezeichnet. Der Ausgleich des Gefälles, im oberen Teil wurden etwa neun Schuh aufgefüllt und im unteren Teil etwa vier Schuh abgetragen, trug wesentlich zum leichteren Verkehr in die obere Stadt bei. Da der Stadt durch die notwendigen Anpassungen, Abbrüche und anderen Arbeiten an der neuen Strasse Kosten in der Höhe von 33 500 Gulden erwuchsen, befreite sie 1781 Abt Beda mit einem Gnadenbrief vom Weggeld.

Die "Winterthurerstrasse", wie die Obere Bahnhofstrasse vor Erstellung der Eisenbahnlinie genannt wurde, in ihrer noch heute gültigen Ausrichtung war entstanden.

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Stadtplan_nach_1834.jpgAbt_Beda_Angehrn.jpgAlte_Landschaft_um_1795.jpg

Quelle: wilnet.ch