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Wohnungsnot und sozialer Wohnungsbau

Stadtentwicklung · Raum

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«Wenn während des Kriegs von einer Not gesprochen werden darf, so in erster Linie von dieser Wohnungsnot.» So fasste der Gemeinderat im Dezember 1945 den prekären Wohnungsmarkt in Wil zusammen. Die Bautätigkeit hatte bereits seit den 1930er-Jahren nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum Schritt gehalten und zu verhältnismässig hohen Mietzinsen geführt. Als der Krieg ausbrach, kam die Bautätigkeit praktisch zum Erliegen, zwischen 1940 und 1942 wurden nur gerade neun neue Wohnungen gebaut. Das war viel zu wenig, denn die Zahl der neu geschlossenen Ehen und neu gegründeten Haushaltungen nahm in diesen Jahren stark zu. Der Anteil leerer Wohnungen sank während dem Krieg auf unter 0,5 Prozent und Familien mussten in Gasthäusern untergebracht werden, weil für sie kein Wohnraum zur Verfügung stand.

Von der Wohnungsnot und den hohen Mietpreisen waren vor allem die unteren sozialen Schichten betroffen. Von den Unternehmen forderte der Gemeinderat allerdings vergeblich ein grösseres soziales Verantwortungsbewusstsein. Die meisten «Betriebe kümmern sich wirklich in keiner Weise um die Unterkunfts-möglichkeiten für ihre Arbeiter, die sie dazu vielfach so schlecht entlöhnen, dass eben nichts anderes übrig bleibt, als die einfachsten Wohnungen und Schlupfwinkel auszusuchen.» Eine Ausnahme war der Strumpffabrikant Alois Ruckstuhl, der 1943 die nach seiner Firma benannte Royal-Siedlung bauen liess. Wegen der relativ hohen Mieten kamen diese Wohnungen aber «für Arbeiterfamilien nicht in Frage» und es fehlte auch danach weiterhin «an einfachen, aber sauberen Arbeiter-wohnungen von 3 bis 5 Zimmern».

Die Wohnungsnot war damals in der ganzen Schweiz zu einem Problem geworden, weshalb der Bund 1942 ein Förderprogramm lancierte. Subventionen sollten den Wohnungsbau ankurbeln und so Arbeit schaffen. Der private Wohnungsmarkt war seit dem rasanten Wachstum der Städte im ausgehenden 19. Jahrhundert immer wieder Ursache für soziale und politische Spannungen gewesen. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Bund darum Gelder für die Wohnbauförderung gesprochen. Mit dem gross angelegten Programm von 1942 hatte der Bund die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen und setzte die Wohnungsbauförderung als Instrument der Sozialpolitik ein.

Geld vom Bund gab es nur, wenn auch Wohngemeinde und Kanton einen Neubau subventionierten. Der Wiler Gemeinderat erarbeitete darum eilig eine Vorlage für die Förderung des Wohnungsbaus, die von den Stimmbürgern im Oktober 1942 mit grosser Mehrheit angenommen wurde. 1945 stimmten sie einem noch grösseren Kredit zu. Die Folge war eine verstärkte Bautätigkeit, die über das Kriegsende hinaus andauerte und vor allem von Wohnbaugenossenschaften getragen wurde. So entstanden in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Genossenschaftssiedlungen Dörfli, Lindengut, Berghof und Scheibenberg, die zusammen aus über fünfzig Wohnungen bestanden.

(aus: Schneider, Oliver, Rothenbühler, Verena; Stadt auf dem Land, Wil vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, S. 180 ff.)

Bildarchiv (1)

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Quelle: wilnet.ch