Bestrebungen zur Förderung des öffentlichen Verkehrs Ein eigentlicher Dauerbrenner auf den Traktandenlisten der Vorstandssitzungen und der Jahresversammlungen war, und dies insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Stellungnahme zu den Fahrplanentwürfen der Bahnen. Dazu kam das Aufkommen der Busverbindungen in die nähere und weitere Region, deren Entstehung der Initiative von Interessengruppen zu verdanken war, zu denen auch der VVW gehörte. Als Überschrift für die Bemühungen des VVW um die Verbesserung der Zugs- und Autoverbindungen von und nach Wil mag der Eintrag im Protokoll der HV vom 11.5.1939 stehen: "Im Verkehrswesen hat der Vorstand den Fahrplanentwürfen stets die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt und keine Gelegenheit unterlassen, eine Verbesserung derselben für Wil anzustreben." Der Name Verkehrsverein dürfte wohl in dieser Beschäftigung mit Fragen des öffentlichen Verkehrs seine Wurzeln haben. Später oder andernorts war es der Fremdenverkehr, heute allgemein und international als Tourismus bezeichnet. Es war Usus, dass Fahrplanentwürfe vom st.gallischen Volkswirtschaftsdepartement dem VVW zur Vernehmlassung unterbreitet wurden. Der normale Instanzenweg war die Stellungnahme des Gemeinderates in Absprache mit dem VVW an das zuständige Departement. Nicht selten jedoch gelangte der Verein mit seinen Begehren und Kritiken direkt an die Regierung und an die Kreisdirektion der SBB, ja sogar an das Eidgenössische Departement in Bern. Es ist aus den vorhandenen Vereinsakten nicht ersichtlich, bis wann die Vernehmlassungen zu den Fahrplanentwürfen und ihre Beantwortung erfolgten. Das Nichtanhalten des Nachtschnellzuges Zürich-St. Gallen in Wil wird als Rücksichtslosigkeit bezeichnet, nachdem ein entsprechender Wunsch vom Gemeinderat an der Fahrplankonferenz vorgebracht wurde (Vorstand 30.6.1902). Die Fahrplankonferenz hat "das Anhalten des Nachtschnellzuges auf unserer Station rundweg abgelehnt trotz dem lebhaften Befürworten durch Hrn. Cantonsrat Bühler in Henau." Begründung: "Die Bergfahrt (!) Winterthur-St. Gallen" erlaube das Anhalten nicht. "Im weitern sei es nur gut, wenn man früher statt später heimkomme" (Comité 11.7.1902). Dem Comité wird zur Kenntnis gebracht, "dass unsere zweite Eingabe an das Volkswirtschaftsdepartement betreffend Anhalten des Nachtschnellzuges, welche zur Behandlung an der eidg. Fahrplankonferenz bestimmt war, von seiten unserer Kantonsregierung einfach beiseite gelegt wurde und damit die Angelegenheit dort gar nicht auf die Tagesordnung kam, wie wir bereits vermuteten" (Comité 19.11.1902). Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit setzte man die Bemühungen in den folgenden Jahren unverdrossen fort, ohne Erfolg. 1908 erfahren wir: "Diese schon 10mal mit den einlässlichsten Begründungen an die Konferenz gerichtete Eingabe wird auch diesmal einzureichen beschlossen" (Comité 6.7.1908). Auch die Bestrebungen um bessere Zugsverbindungen ins Toggenburg fruchten nichts. So wird das Gesuch um Wiedereinführung des Morgenzuges abgelehnt. Der bisher um 7 Uhr ins Toggenburg abgehende Güterzug sei nur ein "facultativer" gewesen. Im Dienstfahrplan ist dieser Zug jedoch als "regelmässig kursierender Güterzug aufgeführt" und da die Fahrpläne noch nicht gedruckt sind, "wird auf dieses Begehren zurückgekommen und das Gesuch genehmigt": Die Bahnverwaltung hat die "Führung eines Personenwagens mit dem 7 Uhr-Zug ab 1. Mai doch zugestanden, merkwürdigerweise aber nur bis Bütschwil, während der Wagen mit dem Zug doch bis Wattwil fährt." So wird beschlossen, an das "schweiz. Eisenbahndepartement in Bern auf die Berücksichtigung unseres Begehrens hinzuweisen und um Abwendung solcher Zustände zu ersuchen" (Comité 2.6.1911).
Ein Blick in die Eisenbahngeschichte zwischen 1850 und 1900 1852 wurde in der Schweiz das Eisenbahngesetz erlassen, das Bau und Betrieb von Eisenbahnlinien Privaten überliess. Die Erteilung von Konzessionen war Sache der Kantone. Es hatte Gültigkeit bis 1872, als mit dem neuen Gesetz die Eisenbahnhoheit an den Bund überging. Mit welch unglaublichem Tempo in der Folge Eisenbahnlinien errichtet wurden, bestätigen die 11 Bahngesellschaften, die bis Ende 1853 gegründet wurden. Strukturbereinigungen reduzierten diese schliesslich auf fünf. 1855 eröffnete die "St. Gallisch-Appenzellische -Eisenbahngesellschaft" die Bahnstrecke Winterthur-Wil, ein Jahr später den Abschnitt Wil-St. Gallen. 1857 fusionierte die St. Gallisch-Appenzellische Eisenbahn mit der Südostbahn (Stammlinien St. Gallen-Rorschach-Chur und Sargans-Weesen-Rapperswil) und der Glattalbahn (Wallisellen-Uster) zu den Vereinigten Schweizerbahnen. 1853 entstand die Nordostbahn (Gründer und Direktionspräsident Alfred Escher) mit der Fusion der Zürich-Bodensee-Bahn-Gesellschaft (gegründet im selben Jahr 1853) und der Nordbahn ("Spanischbrötlibahn"). 1870 wird von den Vereinigten Schweizerbahnen die Toggenburger-Bahn von Wil nach Ebnat-Kappel eröffnet. Am 20.2.1898 stimmte das Schweizervolk der Verstaatlichung zu, mit der die fünf schweizerischen Hauptbahnen Schweizerische Centralbahn (Stammlinie Basel-Olten-Bern), Schweizerische Nordostbahn, Jura-Simplon-Bahn (Fusion der westschweiz. Bahngesellschaften), Vereinigte Schweizerbahnen und Gotthardbahn (Gründung 1871, Direktionspräsident Alfred Escher) vereinigt wurden. Damit waren die Grundlagen dafür geschaffen, dass die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) am 1.1.1902 mit einem Stab von 61 Beamten ihren Betrieb aufnehmen konnten.
Wil spielt eine Nebenrolle im Bahnverkehr "Das Anhalten des Nachtschnellzuges auf der Station Wallisellen gibt Anlass, auch für das Anhalten in Wil neuerdings Schritte zu tun, da ein Hauptargument, der Charakter eines internationalen Schnellzuges, mit dem Halt in Wallisellen und der Endstation Rorschach ohnehin hinfällig geworden ist." Die Kommission wird eingeladen, "auch in dieser Richtung das Erforderliche einzuleiten" (HV 27.5.1915). Nach zähen Verhandlungen mit Behörden und Bahnverwaltung konnte "eine Verbesserung des Fahrplans ins Toggenburg erzielt werden, indem nun täglich ein Zugsgespann mehr verkehrt." Auch die "längst angestrebte Abendzugverbindung St. Gallen-Wil ist zugestanden worden" (Vorstand 12.7.1922). Eine Fahrplanänderung hat zur Folge, dass der Nachtschnellzug Zürich-St. Gallen in Wil nicht mehr anhält. Im Vorstand ist man der Ansicht, "dass man mit allen Mitteln ein Anhalten des Nachtschnellzuges zu erlangen suchen müsse. Wird das jetzt nicht erreicht, so ist dies für längere Zeit nicht mehr zu erwarten. Besonders die elektrische Bahn mit ihrer schnellen Abfahrtsmöglichkeit könnte das durchführen." Mit dem Gemeinderat und den wichtigen Firmen der Umgebung will man sich mit einer Eingabe an die Regierung für dieses Postulat einsetzen (Vorstand 1.12.1927 und 13.1.1928). Die Bundesbahnen lehnen das Gesuch ab. "Die Fahrplankonferenz der SBB hat das Begehren des VVW um verbesserte Zugsverbindungen ins Toggenburg abgelehnt mit der Begründung, dass die bestehenden Zugsverbindungen den heutigen Bedürfnissen genügen" (Vorstand 18.11.1931). Dann endlich: "Die Zugsverbindungen auf der Hauptlinie Zürich-St. Gallen sind befriedigend." Aber: "Die Verbindungen am Vormittag ins Toggenburg lassen dagegen sehr zu wünschen übrig" (HV 4.5.1933).
Frequenz ungenügend - Tempo zu langsam "Das kantonale Volkswirtschaftsdepartement lehnt das Gesuch des VVW ab, dass der neu vorgesehene Schnellzug, der 22.30 Uhr ab St. Gallen nach Zürich fährt, in Wil anhält. Ebenso das Gesuch um ganzjährige Führung des Zuges ins Toggenburg, Wil ab 07.54 Uhr", dies mit der Begründung, "dass die Benützung dieses Zuges ungenügend sei. Der Zug sei an Werktagen durchschnittlich von 37, an Sonntagen von 63 Personen benützt worden." Das Gesuch wird erneuert, weil der Vorstand der Auffassung ist, dass diese Frequenz genügend sei (Vorstand 8.4.1937). Im Winter 1937 wird dieser Wunsch erfüllt. Zu langsam fahren die Züge nach Ansicht der Wiler bei der Fahrplanerneuerung 1938/39. Der Schnellzug Zürich ab 18.06 Uhr, Wil an 18.59 Uhr (Fahrzeit 53 Minuten) soll neu bis Winterthur als Schnellzug geführt werden und von dort bis Wil alle Stationen bedienen, Ankunft in Wil 19.13 Uhr (Fahrzeit 1 Stunde 07 Minuten). Es wird angeregt, "die Strecke Winterthur-Wil etwas zu beschleunigen" (Vorstand 27.12.1938).
Wenig bis kein Erfolg - wie weiter?
Wohl wurde einiges erreicht. Anderseits "blieben die Bemühungen für den Halt des Abendschnellzuges von und nach Zürich ohne Erfolg (...). Nach dem Fahrplanentwurf besteht zwischen dem Schnellzug Wil an 19.54 Uhr und dem Schnellzug Wil an 00.02 Uhr keine weitere Schnellzugverbindung zwischen Zürich und Wil. Diese Verhältnisse sind für Wil absolut unbefriedigend" (Vorstand 13.1.1940).1940 kommt man im Vorstand zur weisen Einsicht, dass "wichtige Begehren um Verbesserung der Fahrplanverbindung für Wil vor der Erstellung des Fahrplanentwurfes gestellt werden sollten und zwar vielleicht einmal direkt bei der Generaldirektion der SBB in Bern." An der Fahrplankonferenz sei es in der Regel unmöglich, Begehren und Aenderungen am Fahrplanentwurf durchzubringen (Vorstand 14.6.1940). Auch hat sich offensichtlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Stellungnahmen zu den Fahrplanentwürfen breiter abgestützt werden müssen. So wird zur "Besprechung des neuen Fahrplanentwurfes eine Konferenz des Vorstandes des VVW unter Zuzug der Präsidenten des Verbandes reisender Kaufleute, des Handwerker- und Gewerbevereins und des Detaillistenvereins vorgesehen" (Vorstand 15.7.1938).
Frauenfeld-Wil-Bahn "Über den Stand der FW-Bahn ist z.Zt. kein günstiges Urteil abzugeben; durch die gewaltige Kohlenpreissteigerung und vermehrte Lohnzahlungen an das Personal musste das Unternehmen bereits die finanzielle Hülfe der Garantiegemeinden in Anspruch nehmen; für die in Aussicht genommene Elektrifizierung der Anlage werden noch weitere, bedeutende Mittel notwendig sein" (HV 17.7.1919).
Automobilkurse Initianten aus Zuzwil machen eine Eingabe an den Gemeinderat Wil "behufs Einführung eines Automobilkurses Wil-Zuzwil." Ein solches Unternehmen sei zu fördern, "wenn befriedigende Grundlagen hiefür geschaffen werden können." Der Vorstand möchte sich "bei den bezüglichen Konferenzen vertreten lassen" (Vorstand 18.4.1916). "Mit dem 5. Mai 1919 ist nun der Automobilkurs Wil-Zuzwil eröffnet und in Betrieb gesetzt worden." - "Am 27. April hat eine Interessenten-Versammlung über die Einführung einer Automobil-Verbindung Wil-Wuppenau-Weinfelden die ersten Verhandlungen gepflogen und wurde ein Comité zur Weiterprüfung der Angelegenheit beauftragt" (Vorstand 21.5.1919)."Die Frequenz des Automobilkurses Wil-Kirchberg-Gähwil hat sich im Berichtsjahr wiederum gesteigert und die Ziffer von 34'000 beförderten Personen im abgelaufenen Jahr erreicht. Das erst kürzlich den Betrieb eröffnende Automobil-Unternehmen Wil-Zuzwil weist bis anhin ebenfalls eine zufriedenstellende Frequenz auf und wird vom Publikum als neues Verkehrsmittel begrüsst." - "Im Studium begriffen steht auch die Frage der Fortsetzung des Automobilkurses Fischingen-Sirnach-Wil" (HV 17.7.1919). Am 19.9.1922 wird der Kurs Wil-Zuzwil von der eidgenössischen Postverwaltung durch den Kurs Wil-Bischofszell ersetzt. "Die Maximalleistung der Gemeinde Wil an das Betriebsdefizit ist auf maximal Fr. 1'000.- pro Jahr für die ersten 5 Jahre festgelegt worden. Das neue Verkehrsmittel leidet voraussichtlich, wenigstens anfangs, an zu hohen Taxen, eine Reduktion derselben ist aber schon für die nächste Zeit in Aussicht gestellt" (Vorstand 15.9.1922). "Die Automobilverbindungen geben zu keiner Reklamation Anlass mit Ausnahme des Autoverkehrs nach Bischofszell" (HV 4.5.1933). Eine gewisse Resignation ist bemerkbar in der Feststellung: "Der Vorstand hat sich um günstige Zug- und Automobilverbindungen von und nach Wil bemüht. Wesentliche Aenderungen in den Zugverbindungen sind keine eingetreten" (HV 24.4.1941).
(aus: 125 Jahre Wil Tourismus 2009)
