München 1924 - 1927 Die Akademie der bildenden Künste in München, 1808 gegründet und seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine der führenden Europas, hatte in den zwanziger Jahren die grosse Zeit allerdings hinter sich. Die Professorenschaft war überaltert, konservativ eingestellt und orientierte sich immer noch an der Maltradition des 19. Jahrhunderts.
1919 entstand der Plan einer "Einheitskunstschule". Unter dem Einfluss des im selben Jahr gegründeten Bauhauses in Weimar sollten Teile der Kunstgewerbeschule der Kunstakademie angegliedert werden, das Kunsthandwerk sich so der "hohen Kunst" annähern. Der Bildhauer Josef Wackerle lehrte von 1917-23 an der Kunstgewerbeschule in München. 1924 wurde er als Lehrer für Architekturplastik an die Akademie berufen, wo er bis 1950 lehrte.Auch Werner Hilber besuchte zuerst die Kunstgewerbeschule und wechselte wie sein Lehrer Josef Wackerle im Jahre 1924 an die Akademie.
1926 gewann Werner Hilber mit seiner Plastik Die Törichten ein eidgenössisches Stipendium.
Paris 1927 - 1930 1927 zog es den jungen Künstler ins Zentrum der künstlerischen Moderne, nach Paris. Dort besuchte er die Kurse bei Emile-Antoine Bourdelle (1861-1929) an der Academie de la Grande Chaumiere. Bourdelle war 1893-1908 Nachfolger von Camille Claudel im Atelier Auguste Rodins und galt nach dessen Tod 1917 als einer der führenden Bildhauer Frankreichs. Er suchte intensiv nach künstlerischer und philosophischer Wahrheit, las Bergson und Krishnamurti und dozierte seine philosophischen Überlegungen im Unterricht. Er liess den Schülern die Freiheit, ihren eigenen künstlerischen Weg zu finden und sah sich als Hilfe, diesen zu entdecken; er verbot es sogar strikte, ihn nachzuahmen. Er hatte den Ruf eines vorzüglichen Lehrers, der Studenten aus der ganzen Welt anzog, darunter viele Schweizer wie Alberto Giacometti und Otto Charles Bänninger. Es ist anzunehmen, dass Bourdelle als Künstlerpersönlichkeit und Wahrheitssucher mit seinen freiheitlichen Gedanken grossen Einfluss auf den jungen Werner Hilber hatte.
Die Academie de la Grande Chaumiere war die berühmteste Kunstakademie im Paris der zwanziger Jahre. Sie befand sich im Quartier Montparnasse, wohin sich die damalige Kunstszene aus dem Montmartre verlagert hatte. Ein ungeheures künstlerisches Potential konzentrierte sich hier und zog immer weitere Kreise an. Künstler wie Picasso, Chagall, Lipchitz, Giacometti und Miró lebten und arbeiteten im Montparnasse.Verschiedene Stilrichtungen der Klassischen Moderne wie Kubismus und Dadaismus wirkten nach oder entstanden neu, wie anfangs der zwanziger Jahre der Surrealismus. Die letzteren beiden Stilrichtungen umfassen auch die Literatur, die geschriebene und gesprochene Sprache. Auch einige von Werner Hilbers Texten sind diesem dadaistisch-surrealistischen Geist verwandt, seine Sprachspiele, Wortverdrehungen und -erfindungen sind humorvoll und zeugen von grossem Einfallsreichtum und Wortwitz.
Zwei der grossen Künstler lernte Werner Hilber auch persönlich kennen:Alberto Giacometti und Jacques Lipchitz. Mit Lipchitz blieb er über seine Pariser Zeit hinaus in Kontakt.
In Paris entstanden zahlreiche Akte, (Porträt)-Studien in verschiedener Ausführung, darunter auch der grosse sitzende weibliche Akt. Der Körper, wie aus einem Fels gemeisselt, in kubisch-massigen Formen beherrscht durch sein Volumen den Bildraum. Er wird an drei Seiten vom Bildrahmen angeschnitten; am Kopf, an der rechten Schulterpartie und beim linken Bein. Die Frau scheint zu schlafen, doch geht eine ungeheure körperliche Präsenz von ihr aus. Die Farbtöne sind zurückhaltend gewählt, sie erinnern an die sparsame Farbgebung der Kubisten:Weiss, Schwarz, Brauntöne, etwas Rosa und Hellblau. Die weis-se Farbe dominiert und erhält in der Verbindung mit den anderen Farben Spannung, insbesondere durch die dunklen Umrisslinien und Schattenpartien. Das bewirkt einen seltenen expressiven Charakter. Die weissen Partien des Körpers und des Tuches wirken wie gleissende Lichtflecken. Das ausdrucksvolle Gesicht liegt im Schatten.
Auch die Serie von Holzschnitten aus der Pariser Zeit steht ganz in der expressionistischen Tradition. Die Motive sind unterschiedlich: ein Paar, eine gestisch starke Einzelfigur, ein Gesicht und eine Hand mit nach hinten gebogenem Daumen.
In Paris entstand die Skulptur Eva oder die Kleine Welt, in Holz und später in Bronze ausgeführt. Die Eva schreitet selbstbewusst voran, den rechten Fuss keck ausgedreht, den Blick nach oben gewendet. Der linke Arm ist angewinkelt, der rechte legt sich um riesige Hüften, die zugleich Oberschenkel sind. Markant ist die Schulterpartie: die beiden Oberarme sind wie abgeschnitten am Körper angesetzt, sie bilden eine gerade Linie auf der ein riesiger Kugelkopf thront. Die ganze Figur hat etwas tänzerisches, marionettenhaftes und erinnert an die Figuren in Oskar Schlemmers Triadischem Ballett. Die Eva ist eine kubistische Plastik mit dominanten Rundformen. Sie verflachen sich auf der Rückseite und bilden eine Parallele zur Schulterlinie. Dreiecksformen finden sich an Armen und Beinen, ein umgekehrtes Dreieck bildet die flache Abschlusslinie der Schultern und des Oberkörpers.
Ganz anders, an den klassischen akademischen Formen orientiert, ist die Alte Frau, eine 3/4 Figur in Bronze, sehr schön modelliert in einer weich geschwungenen S-Linie. Beim Bronze-Torso, sind die Körperformen schon mehr abstrahiert, der linke Oberschenkel ist eigenartig angewinkelt.

