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St. Peter - Heilig Grab

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St. Peter - Das Heiliggrab In einer Urkunde aus dem Jahre 1414 begegnet uns ein erstes Mal ein Heiliggrab in der Stadtkirche St. Nikolaus. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich dabei um ein mittelalterliches Ostergrab. Das nächste schriftliche Zeugnis von der Existenz eines Heiliggrabes stammt aus dem Jahre 1577. Im ältesten erhaltenen Rechnungsbuch der Stadt Wil wird eine Entlohnung notiert für die Leute, welche das Heiliggrab aufgestellt ha­ben. Im weiteren sind zwei auf Holz gemalte Heiliggrab-Engel, datiert 1609, erhalten geblieben und heute im Stadtmuseum zu besichtigen. Der eine zeigt das Schweisstuch Christi, der andere die Leidenswerkzeuge. Am 7. Januar 1683 werden der einheimische Maler Jakob Rissi und der Tischler Hans Konrad Scherer mit dem Bau eines neuen Heiliggrabes beauftragt. Auftraggeber sind die Vertreter des Abtes und der Stadt Wil. Über die neue Grabanlage sind wir dank der ausführlichen Projektbeschreibung bis in alle Einzelheiten unterrichtet. Fast hundert Jahre später, am 30. März 1776, datiert der nächste Auftrag zu einem neuen Heiliggrab. Der Wiler Künstler Jakob Joseph Müller erhält die Aufgabe zugeteilt. Auch über dieses Heiliggrab sind wir ausgezeichnet im Bilde, ist doch auch in diesem Falle der Vertragstext überliefert.

Diese Müllersche Anlage erlebte ein wechselvolles Schicksal. Bald nach dem Tode des Künstlers wurden Stimmen laut, die einem weiteren Aufbau wegen der hohen Kosten und der gefahrvollen Arbeit entgegenstanden. Mit Unterbrechungen wurde das imposante Grab jedoch bis 1819 aufge­stellt. Dann kam es 1822/23 zu einer offenen Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern eines Aufbaus, die schliesslich die letzteren für sich entschieden. Jedenfalls verschwand Jakob Joseph Müllers Heiliggrab und wurde durch ein kleineres ersetzt.

Die Heiliggrab-Tradition blieb allerdings in der Pfarrkirche St. Nikolaus lebendig bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Reform der Karwochen- und Osterliturgie das Ende brachte. Das letzte Heiliggrab stellte in realistisch-naturalistischer Manier eine Felsenlandschaft mit einer Grabhöhle dar. Reste waren bis vor wenigen Jahren noch erhalten, u. a. der geschnitzte Grablegechristus. Ganz ist der Brauch vom Heiliggrab in Wil jedoch nicht verschwunden. In der Liebfrauenkapelle bei der Kirche St. Peter wird alljährlich vom Karmittwoch bis Karsamstag eine Heiliggrab-Darstellung aufgestellt.

Entstanden ist dieses Heiligggrab 1932 in der Werkstatt des Bildhauers Anton Blank in Wil nach den Plänen des Kunstmalers August Wanner in St. Gallen. Die Anschaffung ermöglichte die Stiftung der Familie Ben­ziger. 1960 musste es verkleinert und verkürzt werden, weil die bei der Re­staurierung der Kapelle wiederentdeckten Gewölbemalereien es erforder­ten. Es stellt ein Felsengrab dar, in dessen Nische die Holzplastik des Grab­legechristus ruht. Davor schlafen zwei Wächter, ebenfalls Holzplastiken und coloriert. In der Plastizität der Figuren bildet es zusammen mit dem­jenigen von St. Gallen-Neudorf in unserem Gebiet eine Ausnahme.

Kern, Peter; Heiliggräber im Bistum St. Gallen, Basel 1993.

Bildarchiv (2)

Kern-Peter-Heiliggraeber-1993.jpgHeiliggraeber-Museum0749.jpg

Quelle: wilnet.ch