Vor dem unteren äusseren Tor, in der Gegen der heutigen Rudenzburg, bestand um 1350 als Stiftung das sogenannte Siechenhaus. Hier wurden alle Leute, die mit ansteckenden Krankheiten geschlagen waren, von der übrigen Bevölkerung abgesondert. Meist handelte es sich dabei um Aussätzige, also von Lepra befallene. Diesen "Armen Leuten im Felde" oder „Sondersiechen im Felde“ wurde 1492 der gleiche Status wie dem Spital verliehen. Am 12. Januar 1841 kaufte Zimmermeister Rütti vom Genossenamt Wil für 3'210 Gulden das Siechenhaus, assekuriert für 3'000 Gulden, „grenzt gegen Morgen: an die Landstrasse, gegen Mittag ebenfalls, gegen Abend und Mitternacht an den Fussweg“. Der Garten beim Siechenhaus wurde am 13. Januar 1841 für 510 Gulden an Kantonsrichter Müller verkauft, „grenzt gegen Morgen: an die Landstrasse gegen Rickenbach, gegen Mittag und Abend: an den Fussweg, gegen Mitternacht: Apotheker Reutty. 1853 wurde das nicht mehr benutzte ehemalige „Siechenkirchlein“ durch die Katholische Kirchenpflegschaft zur öffentlichen, freiwilligen Versteigerung gebracht und an den Meistbietenden, Josef Anton Lichtensteiger, Schmied in Wil, für 1'560 Fr. verkauft. Die Genehmigung durch den katholischen Kirchenverwaltungsrat lautete: „..übrigens wird vorbeschriebene Liegenschaft ... welche solche bis anhin, abgesehen von ihrem kirchlichen Charakter, als blosses Gebäude und Boden besessen wurde, dem Käufer überlassen unter folgenden Bedingungen: a. Das Gebäude darf künftig nicht zu kirchlichen Zwecken verwandt werden und wird in gegenwärtigem Zustand überlassen“. Chörli und Glockentürmchen wurden abgebrochen, der Rest des Gebäudes in eine Scheune umgenutzt. Beim Bau der unteren Bahnhofstrasse anno 1879 wurde die aus der Kapelle entstandene Scheune Schmied Lichtensteigers mit ca. Fr. 5'000 ausgelöst und dann abgebrochen, so dass heute nur noch der übrig gelassene Teil des Gussbodens der ehemaligen Siechenkapelle als letzter Zeuge übrig blieb, der Dienstags und zuweilen an anderen Wochentagen zur Schaustellung von Kinderwagen und anderen Verkaufsartikeln diente. O Wandel der Zeiten !
(aus einem Artikel von Adolf Kessler im „Wiler Anzeiger“).
(Quelle dieser ganzen Notizen ist ein „Zettelkasten“ mit Karteiblättern zu Wiler Themen von Lehrer Ulrich Hilber im Stadtarchiv Wil.) .

