2'200 Gulden, gut das Siebenfache eines jährlichen Steuereingangs, kostete der 1505 von den Bürgern errichtete Neubau des Rathauses, als Symbol der städtischen Selbstverwaltung höher und breiter als alle Bürgerhäuser, ohne Zweifel ein Prestigebau der Stadt und ihrer Bürger gegenüber der mächtigen Residenz des Stadtherrn, dem Hof. Ausdruck auch des Selbstbewusstseins der Stadt, die gegenüber der Landschaft privilegiert war.
Ein Kupferdruck von Franz Müller gibt ein genaues Bild des barock bemalten Gebäudes der späten Gotik, wie es sich vor seinem 1854 erfolgten Abbruch präsentierte. Das schöne Haus wurde wegen Platznot und angeblicher Baufälligkeit im Zuge der damaligen Strassensanierung abgerissen. Dabei wurde aus bautechnischen Gründen die an das Nachbarhaus angrenzende Mauer samt Säule stehen gelassen, offenbar damit der "Anker" auf seiner Westseite eine genügend starke Aussenmauer behielt. Vielleicht war man auch einfach des wider Erwarten mühsamen Abbrechens müde. Säule und Mauer erinnern als stumme Zeugen an eine wenig glückliche Tat in Wils Baugeschichte. Der kunstvolle, 1612 datierte Renaissance-Schrank, das geschnitzte Wandtäfer aus der Zeit um 1680 und der gusseiserne Stufenofen (1608) im Gerichtssaal sind nach heutigem Wissen das einzige, was vom alten Rathaus gerettet wurde.
(Ruckstuhl, Benno; Die Altstadt von Wil, Wil 1998)
