Im Jahre 1917 tauchte der Wunsch nach einer eigenen Wasserkraftanlage auf. Dieses Begehren wurde gefördert durch den zeitweiligen Energiemangel in den Kriegsjahren und die fortschreitende Entwicklung von Wil. Das Ingenieurbureau Kürsteiner in Zürich wurde mit der Ausarbeitung eines Projektes für ein Wasserkraftwerk an der Thur betraut. Die angestellten, ziemlich umfangeichen Untersuchungen über die rationellste Ausnützung der Thur ergaben verschiedene Möglichkeiten. a) Wasserkraftanlage Schwarzenbacherbrücke Als erste Variante wurde die Erstellung eines beweglichen Schützenwehres ca. 150 m oberhalb der Eisenbahnbrücke bei Schwarzenbach in Betracht gezogen. Das Wasser sollte durch einen 680 m langen Stollen nach der auf dem rechten Thurufer gegenüber der Alpbachmündung gelegenen Zentrale geleitet werden. Das Bruttogefälle wurde zu 8 m berechnet. Mit dem vorgesehenen Ausgleichsweiher hoffte man eine minimale Leistung von 210 PS und eine maximale Leistung von 1'000 PS zu erzielen. Die gewählte Wehrstelle wurde schlussendlich als nicht ideal beurteilt, weil zu breit und nur teilweise im Felsen gelagert, ein günstigeres Querprofil war aber nicht zu finden. Für die Zentrale waren Francis-Turbinen, direkt mit dem Generator gekuppelt, vorgesehen. Der erste Ausbau hätte 3 Maschinengruppen zu je 300 PS Leistung umfallt, wovon eine Gruppe als Reserve. Der zweite Ausbau wurde gleich gross angenommen, sodass die vollausgebaute Zentrale 6 Gruppen enthalten hätte von maximal 1'800 PS Leistung. Als maximale Jahresproduktion wurde eine Energiemenge von 3 Millionen kWh errechnet.
Die Kostenberechnung für die erste Bauetappe lautete auf Fr. 1'750'000.—, die Gestehungskosten pro erzeugte kWh ca. 7 Rp. Für den Vollausbau wurde mit Fr. 2'700'000.— Baukosten gerechnet und Gestehungskosten pro kWh von ca. 5 Rp. Das Projekt kam, weil unwirtschaftlich, nicht zur Ausführung. b) Projekt 1917 Kraftanlage bei Mühlau Als zweite, bessere Lösung erschien das Projekt eines Werkes mit Stauanlage bei der Mühlau. Etwa 300 m oberhalb der Strassenbrücke Mühlau wurde der Platz für die Staumauer vorgesehen. Die Stelle ist als sehr günstig zu betrachten, weil ein enges Flussprofil zwischen Nagelfluhwänden vorhanden ist. Der nutzbare Inhalt des Staubeckens wurde zu 6'000'000 m3 berechnet. Mittelst einer 200 m langen Druckleitung sollte das Wasser der Zentrale zugeführt werden, die unmittelbar oberhalb des bestehenden Bachmann'schen Wehres am rechten Ufer der Thur vorgesehen war. Man rechnete mit einer verfügbaren Niederwassermenge von 4 m3/Sek. Das mittlere Nettogefälle belief sich auf 22 m und die Winterleistung des Werkes wurde zu 1'000 PS veranschlagt, gerade die für Wil damals notwendige Leistung. Bei vollem Ausbau betrug die Ausnützung 8 ins/Sek. und es war eine mittlere jährliche Leistung von 1'300 PS sowie eine Spitzenleistung von 3000 PS berechnet worden. Gesamtkosten = Fr. 3'500'000,—, Gestehungskosten pro erzeugte kWh = 6,5 Rp. Die Schlussfolgerung lautete, dass solange die Winterbelastung kleiner als 1'000 PS sei, die Anlage unrentabel bleibe. Bemerkenswert sind im Projektbericht die auch später wieder festgestellten Tatsachen, daß kleinere Anlagen an der Thur infolge der lange dauernden kleinen Niederwasser-mengen und des schwachen Flußgefälles verhältnismäßig teuer zu stehen kommen. Die Gestehungskosten der Energie ab Zentrale erreichen Werte, die im allgemeinen nicht günstiger sind als die Energiepreise für Fremdstrom. Diese Feststellungen ließen einstweilen eine Verwirklichung der Projekte nicht zu.
(aus: 50 Jahre Elektrizitätswerk (1901-1951), Wil 1951.) [content_main_image]


