Die vor dem Ablauf des Energielieferungsvertrages mit den SAK per 30. November 1943 bestehenden Verhält-nisse in der Energieversorgung ließen die Wünsche für ein eigenes Wasserkraftwerk an der Thur erneut in den Vordergrund treten. Durch das Ingenieurbureau H. Wyß, Zürich, wurde im Jahre 1941 das Projekt 1930 bei der Mühlau neu überprüft und als Ergänzung dazu eine zweite Anlage flußabwärts hinzugefügt. Auf der Höhe von Jonschwil war die Erstellung eines Wehres geplant, wodurch eine Stauung der Thur um 5 m erreicht werden sollte zum Zwecke des Ausgleiches im Wasserdurchfluß. Beim Vollausbau ergab die Berechnung beim Betrieb der Doppelanlage Mühlau-Jonschwil folgende theoretische Zahlenwerte:
Leistung ca. 2'300 kW bei 10,5 m Gefälle der Anlage Mühlau und 5,5 m der Anlage Jonschwil Energieproduktion pro Jahr ca. 14'000'000 kWh Baukosten ca. Fr. 3'000'000.—.
Auf der Grundlage des Projektes H. Wyn erfolgten in den Jahren 1941/42 Konzes-sionseingaben an den Regierungsrat des Kantons St. Gallen.
Die Besprechungen und Studien über das Thurprojekt mit allen damit im Zusam-menhang stehenden Fragen beanspruchten die Betriebskommission während längerer Zeit außerordentlich stark. Es galt nicht nur die Rentabilität der Projekte gründlich auszuweisen, sondern auch gegen die Opposition der SAK Stellung zu nehmen. Unter den zahlreichen eingegangenen Einsprachen befand sich auch diejenige der Gemeinde Kirchberg. Diese Gemeinde befaßte sich ebenfalls mit dem Studium einer Kraftwerkanlage ungefähr im gleichen Gebiet wie die Gemeinde Wil. Die relativ sehr hohen Baukosten sowie der Materialmangel und andere erschwerende Umstände führten in der Folge dazu, das Projekt vorläufig wieder bei Seite zu legen. Der Regierungsrat hatte sich, trotz verschiedener Zusicherungen, bis zu diesem Moment nicht entschließen können, einen Entscheid in der Konzessionsfrage zu fällen. Der Gemeinderat sah sich deshalb veranlaßt, mit den SAK im Jahre 1943 einen neuen Energielieferungsvertrag auf eine verkürzte Vertragsdauer von 5 Jahren abzuschließen, in der Meinung, daß im Verlaufe dieser Vertragsdauer eine vollständige Abklärung über die zukünftigen Energiebedürfnisse und Konzessionsbedingungen möglich sein werde.
Im Jahre 1948 galt es dann abschließend Stellung zu nehmen, Einerseits hatte der Gemeinderat Kirchberg sein Konzessionsgesuch zurückgezogen; anderseits hatten sich die Verhältnisse für Wil grundlegend geändert. Der Energiebedarf war in der Zwischenzeit derart angestiegen, daß der Bau der Doppelanlage Mühlau/Jonschwil diesen nicht hätte zu sichern vermögen; gleichzeitig waren die Baukosten enorm in die Höhe gegangen. Die Wasserführung der Thur erwies sieh sodann in der zweiten Hälfte der 40er Jahre als so unregelmäßig und ungenügend, daß der Zukauf von Fremdenenergie in erheblichem Umfang und die Produktion teurer Dieselenergie unvermeidlich gewesen wären.
Alle diese Verumständungen führten zum Beschlusse, dem kantonalen Baudepartement mitzuteilen, die politische Gemeinde Wil verzichte zur Zeit auf die Konzessionserteilung für das Thurwerk. Diese Formulierung gestattet ein allfälliges späteres Wiedereintreten auf die Projektvorlage unter veränderten Verhältnissen. Damit hatte die nahezu tragische Entwicklung der Studien für ein eigenes Thurkraftwerk ihr vorläufiges Ende gefunden. Der Wunschtraum der Wiler Behörden und Bevölkerung, in nächster Nähe der Stadt unter Ausnützung des Grenzflusses — der Thur — ein eigenes Kraftwerk zu erstellen, dürfte allerdings noch nicht endgültig ausgeträumt sein. Qui vivra verra!
Im Jahre 1917 tauchte der Wunsch nach einer eigenen Wasserkraftanlage auf. Die¬ses Begehren wurde gefördert durch den zeitweiligen Energiemangel in den Kriegsjahren und die fortschreitende Entwicklung von Wil. Das Ingenieurbureau Kürsteiner in Zürich wurde mit der Ausarbeitung eines Projektes für ein Wasserkraftwerk an der Thur betraut. Die angestellten, ziemlich umfangeichen Untersuchungen über die rationellste Ausnützung der Thur ergaben verschiedene Möglichkeiten. a) Wasserkraftanlage Schwarzenbacherbrücke Als erste Variante wurde die Erstellung eines beweglichen Schützenwehres ca. 150 m oberhalb der Eisenbahnbrücke bei Schwarzenbach in Betracht gezogen. Das Wasser sollte durch einen 680 m langen Stollen nach der auf dem rechten Thurufer gegenüber der Alpbachmündung gelegenen Zentrale geleitet werden. Das Brutto¬gefälle wurde zu 8 m berechnet. Mit dem vorgesehenen Ausgleichsweiher hoffte man eine minimale Leistung von 210 PS und eine maximale Leistung von 1000 PS zu erzielen. Die gewählte Wehrstelle wurde schlussendlich als nicht ideal beurteilt, weil zu breit und nur teilweise im Felsen gelagert, ein günstigeres Querprofil war aber nicht zu finden. Für die Zentrale waren Francis-Turbinen, direkt mit dem Generator gekuppelt, vorgesehen. Der erste Ausbau hätte 3 Maschinengruppen zu je 300 PS Leistung umfallt, wovon eine Gruppe als Reserve. Der zweite Ausbau wurde gleich gross angenommen, sodass die vollausgebaute Zentrale 6 Gruppen enthalten hätte von maximal 1'800 PS Leistung. Als maximale Jahresproduktion wurde eine Energiemenge von 3 Millionen kWh errechnet.
Die Kostenberechnung für die erste Bauetappe lautete auf Fr. 1'750'000.—, die Gestehungskosten pro erzeugte kWh ca. 7 Rp. Für den Vollausbau wurde mit Fr. 2'700'000.— Baukosten gerechnet und Gestehungskosten pro kWh von ca. 5 Rp. Das Projekt kam, weil unwirtschaftlich, nicht zur Ausführung. b) Projekt 1917 Kraftanlage bei Mühlau Als zweite, bessere Lösung erschien das Projekt eines Werkes mit Stauanlage bei der Mühlau. Etwa 300 m oberhalb der Strassenbrücke Mühlau wurde der Platz für die Staumauer vorgesehen. Die Stelle ist als sehr günstig zu betrachten, weil ein enges Haprofil zwischen Nagelfluhwänden vorhanden ist. Der nutzbare Inhalt des Staubeckens wurde zu 6'000'000 m3 berechnet. Mittelst einer 200 m langen Druckleitung sollte das Wasser der Zentrale zugeführt werden, die unmittelbar oberhalb des bestehenden Bachmann'schen Wehres am rechten Ufer der Thur vorgesehen war. Man rechnete mit einer verfügbaren Niederwassermenge von 4 m3/Sek. Das mittlere Nettogefälle belief sich auf 22 m und die Winterleistung des Werkes wurde zu 1'000 PS veranschlagt, gerade die für Wil damals notwendige Leistung. Bei vollem Ausbau betrug die Ausnützung 8 ins/Sek. und es war eine mittlere jährliche Leistung von 1'300 PS sowie eine Spitzenleistung von 3000 PS berechnet worden. Gesamtkosten = Fr. 3'500'000,—, Gestehungskosten pro erzeugte kWh = 6,5 Rp. Die Schlafolgerung lautete, dall solange die Winterbelastung kleiner als 1000 PS sei, die Anlage unrentabel bleibe. Bemerkenswert sind im Projektbericht die auch später wieder festgestellten Tatsachen, daß kleinere Anlagen an der Thur infolge der lange dauernden kleinen Niederwassermengen und des schwachen Flußgefälles verhältnismäßig teuer zu stehen kommen. Die Gestehungs¬kosten der Energie ab Zentrale erreichen Werte, die im allgemeinen nicht günstiger sind als die Energiepreise für Fremdstrom. Diese Feststellungen ließen einstweilen eine Verwirklichung der Projekte nicht zu.
(aus: 50 Jahre Elektrizitätswerk (1901-1951), Wil 1951.)