Vom 13. Jahrhundert an stellen wir eine eigentliche Welle von Stadtgründungen im schweizerischen Mittelland fest. Anlass zur Gründung von Wil war offensichtlich die Entstehung und Sicherung eines Marktes. Das Recht, einen Markt abzuhalten, bedeutete ein königliches Privileg. Damit Belehnte wurden durch solche Verleihungen zu Stadtgründern. Daneben führten wohl auch territorial-, wehr- und verkehrspolitische Absichten zur Gründung.
Wil gehört zu jenen Städten, die sich an einen Herrschaftssitz anlehnen. Ausgangspunkt der Stadtanlage war ein befestigter Wohnsitz der Herren und späteren Grafen von Toggenburg an der Stelle des heutigen Hofes. Die Gründung der Stadt Wil erfolgte spätestens um 1200 an strategisch wichtiger Stelle auf einem markanten Geländesporn. Als Gründer kommt Graf Diethelm I. von Toggenburg († nach 1229) in Frage.
Die Toggenburger waren Vasallen der Herzöge von Zähringen, die Reichslehen besassen und neben andern Mächtigen auch in der Ostschweiz Fuss fassten. Unter ihrem Schutz bauten die Toggenburger ihren Einflussbereich im unteren Toggenburg, im oberen Thurgau und im Zürcher Oberland aus. In ihrem ursprünglichen Stammesgebiet errichteten sie die Stadt Wil.
Die Toggenburger offerierten den Ansiedlern Grund und Boden gegen geringen Arealzins. Sie verbanden mit dieser Einladung das verlockende Angebot des Schutzes unter Garantie der Freiheiten. So suchten freie Leute der alemannischen Villa Wil ihr Heil in einer neuen Ansiedlung, die mit Mauern und Gräben befestigt wurde. Sie behielten dabei ihr Grundeigentum an den bisherigen Wohnstätten und entrichteten ihrem neuen Schirmherrn für die gebotenen Vorteile eine jährliche Steuer. Die Ansiedlung in der Stadt bedeutete nicht den Verlust der Freiheit und auch nicht die Unterstellung unter die Gerichtsbarkeit des Grundherrn. Aus der Dorfgemeinschaft wurde eine Stadtgemeinde, 1272 ausdrücklich civitas genannt. Selbstverständlich übersiedelten auch Personen unfreien Standes in die Stadt, wo sie ihr Glück versuchten nach der Devise "Stadtluft macht frei". Wir besitzen keine Urkunden über die Gründung. Einen eigentlichen amtlichen Ausweis als Stadt erhält Wil erstmals im Mai 1244 in einer öffentlichen Urkunde. Die Entwicklung des Ortes sowie spätere Hinweise in Stadtsatzungen und Verzeichnissen alter Gewohnheiten des Gotteshauses St.Gallen in Wil deuten darauf hin, dass Wil dank seiner verkehrsgünstigen Lage von Anfang an vom Markt geprägt war.
(Ruckstuhl, Benno; Die Altstadt von Wil, Wil 1998)
