Arbeit & Wirtschaft

Wirtschaft "Schweizerbund" bzw. "Spanische Weinhalle"

Gastgewerbe · Arbeit & Wirtschaft

Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Winterthur - Rorschach um 1856 gewann auch die obere Bahnhofstrasse als Verbindung Bahnhof-Oberstadt an Bedeutung. Der initiative Baumeister und Bodenhändler Fridolin Braun kaufte 1888 von der Firma Müller und Cie. 1'007,7 m2 Wiesland an dieser Strasse und erbaute darauf ein währschaftes Doppelhaus. 1890, kaum fertiggestellt, wurde es an Gerichtsschreiber Friedrich Schneider für Fr. 46'000.- verkauft. Am 27. September 1890 konnte dieser dem Publikum die Eröffnung der Wirtschaft zum "Schweizer-Bund" bekanntgeben. Zu jener Zeit waren Konkurse recht häufig, was den Wirt veranlasste, sich auch als "Anwalt" zu versuchen. Zu diesem Zweck richtete er im zweiten Stock eine Anwaltspraxis ein und verpachtete die Wirtschaft. Der neue, rührige Pächter Ferdinand Leemann empfahl gleich sein "prima Hirschenbräu" und eröffnete dazu ein Flaschenbier-Depot. Als für Wil ganz neu lieferte er ganze Essen, aber auch einzelne Platten für diverse Anlässe ins Haus. Auf die Speisekarte setzte er feine Leberknödel, Beizfleisch, Hasenpfeffer mit Sauerkraut, in der Fastenzeit war Fischotter angesagt. In seiner Sommerhalle wurden grosse Festivitäten abgehalten, auch Konzerte mit humoristischen Einlagen fehlten nicht. 1892 hielt der Schumachermeister-Verein von Wil und Umgebung eine denkwürdige Versammlung im "Schweizerbund" ab. Es ging nämlich um die "Eidgenössische Schuhlieferung", die gemäss Reklamation so schlecht sei, dass der Bund, der pro Paar Fr. 18.- bezahlte, die Schuhe nur für Fr. 5.-weiterverkaufen konnte, woraus ein Verlust von Fr. 91'000.- resultierte.

Als 1896 Wirt Josef Helg das Patent abgab, schien die Wirtschaft einzugehen. Da tauchte als Retter in der Not Juaquin Sagaro auf, der ehemalige Wirt der "Spanischen Weinhalle zum Falken". Er taufte den "Schweizerbund" in "Spanische Weinhalle" um. Auch das Angebot wandelte sich, vom Bier der Aktienbrauerei "zum Hirschen" über "Schützengarten-Bock" und dem bekannten "Zacherl-ÖI", einem Münchner Salvator-Bier, nun zum Spanischen Wein. Der Betrieb war gerettet und gedieh, mit August Züst aus Wolfhalden zog 1906 gar ein Wirt ein, der volle 40 Jahre auf der "Spanischen Weinhalle" blieb. Am 15. Mai 1946 jedoch war endgültig Schluss, die Wirtschaft wurde geschlossen. Heute beherbergt das Gebäude das bekannte Optikergeschäft Bischof.

(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)

Quelle: wilnet.ch