Die Speisewirtschaft "Harmonie" am Kirchplatz bestand ursprünglich aus zwei Pfrundhäusern, die aus dem Besitz des ehemaligen Spitalamtes um 1839 an die Ortsbürgergemeinde gekommen waren. Während des Neubaus des Kirchplatzschulhauses in den Jahren 1839/40 diente das Gebäude als Kaplanei, in der auch Schule abgehalten wurde. Wann genau die Liegenschaft erbaut wurde, lässt sich nicht sagen, doch erwähnen alte Chroniken, dass um 1304 der Barfüsser- und Predigerorden in Gebäuden neben der St. Niklaus-Kapelle Gasthäuser oder Absteigequartiere für seine Mitglieder hatte.
Das Doppelhaus wurde 1841 versteigert und vom unternehmungslustigen Metzgermeister Sebastian Grüebler zum "Wilden Mann" für 4'485 Gulden erworben. Bereits Ende 1842 ging das Objekt für 5'600 Gulden in den Besitz von J. N. Eisenring über, der ihm den Namen "Harmonie" gab. Gemäss dem Wiler Chronisten Karl Ehrat dürfte die Bezeichnung "Harmonie" daher rühren, dass Eisenring schon 1841 als Ehrenmitglied des 1839 gegründeten Männerchors "Harmonie" aufgeführt wurde. 1846 erwarb abermals Sebastian Grüebler die Liegenschaft, die er jedoch im gleichen Jahr wieder an Johann B. Keller verkaufte. Als im Jahre 1851 Johann Nepomuk Ehrat, Buchhalter in Chiasso, seinen in Wil wohnenden Vater beauftragte, die "Harmonie" zu erwerben, wurde sie zu Ehratschem Familiengut. So ist mit Weinhändler Josef Carl Ehrat erstmals ein Ehrat als Wirt auf der "Harmonie" zu finden. Dieser hatte 1866 das Gesuch um die Erteilung eines Patentes für den Betrieb einer Speisewirtschaft eingereicht, das er als stadtbekannte Persönlichkeit auch prompt erhielt. Bald hatte er einen rechten Kundenkreis, zumal er auch von 1867 bis 1879 Wiler Feuerwehrkommandant war. Zur Fastenzeit boten die Ehrats verschiedene Spezialitäten an, vor allem Stockfisch, aber auch Fischotter, in den Herbstmonaten zudem Schnecken und "Käsappich". Da die Ehrat's auch Weinhändler waren, war es naheliegend, dies auch auf dem Wirtshausschild zu erwähnen. So hiess die "Harmonie" von Anfang an "Speisewirtschaft und Weinhandlung". Im Lauf der Jahre wurde daraus die "Weinstube zur Harmonie".
Der letzte Wirt, Emil Ehrat-Peterli betreute die Weinstube volle 24 Jahre, bis sie anfangs Januar 1947 für immer ihre Pforten schloss. Viele Jahre lang diente die "Harmonie" nun als Büro- und Wohnhaus bis, im Zuge einer Renovation, ein neuer Verwendungszweck gefunden wurde. Seit anfang November 1984 dient die "Harmonie" neu der katholischen Kirchgemeinde als "Begegnungsstätte für besinnliche und meditative Stunden".
(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)