Für die Entwicklung einer Stadt war früher von entscheidender Bedeutung, dass sie das Marktrecht besass. Wil besass früh dieses Privileg. In der Altstadt, auf dem "Goldenen Boden", wurde und wird darum Markt gehalten, was natürlich auch den Betrieb von Wirtschaften begünstigt. Ein- und Verkaufen macht Durst, manches Geschäft wird erst durch einen rechten Trunk besiegelt. Als typisches Beispiel einer handfesten "Markt"-Wirtschaft ist die "Trinkstube zum Hartz" zu nennen. Erste Hinweise auf eine Trinkstube finden sich bereits in den Steuerbüchern um 1416, konkret wird die Trinkstube, genannt "Hartz", im Stadtrechnungsbuch von 1485 erwähnt. "Umgelter" Erhart Maier gab darin am 10. Oktober 1485 dem Rat der Stadt Wil Bericht über seine Tätigkeit. Damit dürfte der "Hartz" die älteste urkundlich erwähnte Wirtschaft Wils sein.
Woher der Name "Hartz" kommt, lässt sich nicht genau sagen. Einmal könnte der "Hartz" oder auch "Karts" den "Harst" meinen, also den Vortrab eines ritterlichen Herren. Die Wirtschaft könnte dann als Gaststube der Söldner, der reisigen Knechte, der Landsknechte bezeichnet werden, im Unterschied zur "Herrenstube", die von den hohen Herren, Rat und Schultheiss besucht wurde. Andererseits ist "Harz" ja auch klebrig, im Volksmund ist der Ausdruck "Harz a de Hose ha" Synonym für "gerne sitzenbleiben", was ja in einer Wirtschaft keine Seltenheit sein sollte. "Harzieren" zudemheisst "einen Streifzug unternehmen", was im 15. Jahrhundert Ritter Hans von Rechberg mit seinem Streifzug nach Wil auch praktizierte.
Wie gross die Selbständigkeit der "Gesellen der Trinkstube zum Hartz" war, zeigt eine Übereinkunft zwischen dem Abt von St. Gallen auf der einen Seite, dem Schultheiss und Rat der Stadt Wil auf der anderen Seite mit den "Stuben xellen" aus dem Jahre 1518. Darin wurde geregelt, dass vom "Hartz" jährlich nur 4 Gulden Steuer zu entrichten seien. Ausdrücklich wird dabei erwähnt, dass dieses Jahr die Steuer entfalle, zum Nutzen des Marktes. Im Oktober 1529, anlässlich der Reformation in Wil, sammelten sich katholische "Gotteshausleute", die dem Abt treu waren, im "Hartz", während sich die mehrheitlich reformierten Bürger, die für eidgenössischen Schutz und eine ebensolche Stadtführung plädierten, in der "Herrenstube" trafen.
1585 wurde der "Hartz" abgebrochen, aber wieder für 339 Gulden neu aufgebaut. Ein Teil musste 1612 wieder weichen, da Platz für die Erweiterung des Obstmarktes benötigt wurde. Die Verlegung des Viehmarktes im Jahr 1849 von der Oberstadt an den "Viehmarktplatz", brachte für die "Trinkstube" einen Namenswechsel mit sich in "Bäckerei und Wirtschaft zum Wylberg". 1868 wurde im Stile der Zeit renoviert, 1890 folgte ein weiterer Namenswechsel in Wirtschaft zum "Marktplatz". 1945 kam zum Restaurant noch eine Käse-Handlung hinzu. Beinahe 40 Jahre nun blieb der Betrieb in den Händen der Familie Helfenstein. 1968/69 erwarb Margrit Helfenstein die Liegenschaft von der Erbengemeinschaft. Anschliessend liess sie das Haus renovieren. Allerdings wurde es in den 80er-Jahren zunehmend härter, das Lokal zu führen, geriet das "Plätzli" doch in den Bannkreis von schwierigen Gästen, zum Teil auch Drogensüchtigen. So war es anfangs 1987 zugleich ein Neubeginn, als Urs und Magdalena Küng den Betrieb übernahmen und ihn mit neuem Konzept umbauen liessen. Die "Trinkstube zum Hartz" präsentiert sich heute als gepflegter Treffpunkt. Als Kernstück dient eine grosse, übersichtliche Bar, wo ein breites Angebot von Snacks, Aperos und Getränken den Besucher zum Verweilen einlädt.
(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)










