Der "Anker", heute integriert in den Baronenhauskomplex, bestand schon vor dessen Erbauung im 18. Jahrhundert. Als eine der wenigen Profanbauten in Wil präsentiert der "Anker" in seinen gestuften Reihenfenstern noch spätgotische Bauelemente. Die überzählige Säule auf der Nordseite des Baronenhauses ist auch der letzte Überrest eines der schönsten Gebäude im alten Wil, des 1854 abgebrochenen "Alten Rathauses".
Im Jahr 1871 übernahm Viktor Placidus Pfister den "Anker" von Josefa Wirz à Rudenz, geborene Grüebler. Dem Wirtshaus angeschlossen war ein Laden, in dem 1882 u. a. "schönes, weisses Sauerkraut sowie Kabis zum Einmachen" erhältlich war, und eine Käserei. Placid Pfister schenkte 1879 täglich morgens und abends "frische reelle Kuhmilch" aus, für die täglichen Kunden zu 16 Rappen pro Liter, für "aussergewöhnliche" Kunden für 17 Rappen je Liter. Im gleichen Jahr erschien auch ein Inserat, aufgrund dessen sich Auswanderer "mit allen überseeischen Linien am billigsten" befördern lassen konnten, wenn sie sich der "concessionierten Auswanderungsagentur Wirth-Herzog in Aarau" anvertrauten, deren Agent in Wil P. Pfister "Zum Anker" war. Wie vielen hoffnungsvollen Leuten mag er wohl eine Fahrt ins "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" verschafft haben? Und wie viele von ihnen gelangten zum erhofften Reichtum?
Ab 3. November 1883 übernahm Caspar Bommert aus Schwyz den "Anker". Kaufpreis war Fr. 26'000.-. Wiederholt lud Caspar Bommert "höflichst seine werthen Nachbarn, Freunde und Gönner" zu einer "gemüthlichen Abend-Unterhaltung" ein. Bereits im Jahr 1889 übernahm wieder Placid Pfister den Betrieb. Aber schon ein Jahr später starb er. Seine Frau, Anna Johanna Pfister, führte den "Anker", bis am 1. Juni 1891 Josef Moser die Speisewirtschaft übernahm. Er empfahl sich nicht nur als Wirt, sondern betrieb gleichzeitig auch das Ladengeschäft. "Frische, süsse Butter" und "prima Käse" gehörten ebenso zu seinem Angebot, wie im Oktober 1891 eine "grössere Parthie ganz gut erhaltener Weinfässer, 200-600 Liter haltend". Neben den bekannten Unterhaltungen fand 1891 auch ein "Freischiessen im Betrage von Fr. 100.-" statt, wozu der "Zimmer-Schützen-Club Wyl" jedermann freundlichst einlud. Josef Moser blieb bis im Frühjahr 1916 auf dem "Anker". Später wechselten die Besitzer sehr häufig, bis am 1. September 1943 die Wirtschaft "Zum Anker" endgültig den Betrieb einstellte. Als äusseres Zeichen der ehemaligen Taverne ist bis auf den heutigen Tag das schöne Wirtshausschild erhalten geblieben.
(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)