Anno 1875 kaufte Johann Baptist Egli ein Haus in der oberen Vorstadt von Josef Wirz und richtete darin den "Pfauen" ein. Egli, der erste "Pfauenwirt", der auch Krämer und Pferdehändler war, scheint nicht viel Glück mit seiner Wirtschaft gehabt zu haben. Bereits gut drei Jahre nach der Eröffnung musste er Konkurs anmelden. So gelangte am 6. Februar 1879 das gesamte Lokalmobiliar, der Weinkeller, Ladenkorpus, Pferdegeschirre, drei Fuhrwagen sowie die ganze Liegenschaft mit Hofraum, Pflanz- und Baumgarten zur Versteigerung.
Der Nachfolger, Gallus Andreas Schenk, machte aus der Speisewirtschaft ein "Caffee und Restaurant". Er war ein Theaterfreund, immer wieder lud er zu Produktionen des "dramatischen Clubs Winterthur" ein. Auf Ostern eröffnete er jeweils seine Kegelbahn und die Gartenwirtschaft. Schenk war zusätzlich noch Gerichtsschreiber und auch wohl situiert. Dann bereits vier Jahre nach Eröffnung hiess es wieder: Konkurs. In der Konkursmasse befanden sich u.a. ein Glasschrank mit Bibliothek, silberne Schützenbecher, Waffen, silbernes Besteck, ja sogar eine Kopierpresse.
Mit Jakob Urscheler trat ebenfalls ein Theater- und Musikliebhaber in die Fusstapfen seines Vorgängers. Laufend fanden im "Pfauensaal" Konzerte und Gastspiele statt, die Elite der Stadtmusik St. Gallen war ebenso zu Gast wie die beliebte Tiroler- und Kärntner-Sängergesellschaft "Alpenrose", die Musikgesellschaft Union Wyl, die vollständige Bürgermusik Gossau mit ihren 22 neuuniformierten Musikern, die "berühmte böhmische Musikgesellschaft", die "Concordia" Rorschach, die Blechharmonie Flawil und der Musik-Verein "Eintracht" Bichelsee. Daneben wurden humoristisch-poetische Vorträge gehalten und das Schafkegelschieben geübt. Nicht genug damit, am Dienstag, 28. April 1885 gastierte die Gruppe des weltberühmten Arabers Sidi Ben Califat im "Pfauen". Er war der einzige Mensch der Welt, der im Stande war, auf seinem eigenen Kopf zu sitzen! Im selben Jahr im Dezember war der berühmte Herkules Dietrich aus Oberbayern zu bewundern, der mit nur einem Finger einen 500 Pfund schweren Stein anhob. Am Abend trat er zum Ringkampf mit einem hiesigen Bierbrauer an. Ebenfalls in diesem Jahr wurde der "Pfauen" zur Taverne ausgebaut, von nun an waren Übernachtungen möglich.
Zur Abwechslung wurden auch theatralische Aufführungen veranstaltet, so zur Bundesfeier im August 1886 der "Wilhelm Teil". Die "Harmonie Wil" als Ausführende gab dazu den speziellen Hinweis: "Die Apfelschuss-Scene wird im freien Garten aufgeführt, in derselben erscheinen Gessler und Horras zu Pferde." Am 2. Mai 1888 gab eine sechsköpfige Negergruppe aus Westindien in Nationalkostümen eine Vorstellung mit Konzert. Aber auch einheimische Kost wurde geboten, so lud der Turnverein Wil Anfang 1888 zu einem einmaligen Schauturnen in den "Pfauensaal". Die Gründungsversammlung des "Toggenburgischen Bezirksturnverbandes" im Oktober 1888 fand denn auch folgerichtig im "Pfauen" statt.
Als Caspar Bammert, der ehemalige Wirt zum "Anker" den "Pfauen" kauft, ist der "Pfauen-Concert-Saal" ein kultureller Begriff in Wil. So wurde Bammert beinahe gezwungen, diese Tradition fortzusetzen - und scheiterte prompt dabei. Im Juni 1889 gastierte die Kapelle C. Zenneck aus München mit 18 Mann im "Pfauen". Einen Monat später servierte Laurena Collot aus Frankreich den Gästen Feines aus Küche und Keller. Sie wurde die "Königin unter den Frauen" genannt, zierte doch ein echter schwarzer Vollbart ihr Gesicht! Am 11. August gastierte der "Trompeter von Säckingen", 14 Tage später der "Bettelstudent", am Nachmittag war zusätzlich ein Konzert der Musikgesellschaft Zuzwil angesagt. Es war des Guten zuviel. Sieben Monate nach der Übernahme musste Caspar Bammert bereits seinen Abschied geben.
Nach einem kurzen Zwischenspiel wurde Jakob Urscheler am 1. August 1890 wieder "Pfauenwirt". Und bald lief es wieder! Die Fahnenweihe des Arbeiterbildungs-Vereins Wil fand ebenso im "Pfauen" statt wie grosse Konzerte der "Bürgermusik Rorschach", am Abend dann die "Venetianische Nacht". Am 12. Juli 1891 war grosser Theatertag mit sechs Einaktern, die Regimentsmusik Lindau gastierte ebenso wie die Blechharmonie Rickenbach. Die Konzerthalle, Festhütte und Garten boten Raum für 700 Personen!
Am grossen Musikfest in Wil am 31. Juli 1892 fand die offizielle Begrüssung im "Pfauen" statt, genau wie die Hauptprobe, das Mittagessen, die Konzerte und die Abendunterhaltung.
Auch Aktualitäten und Kuriosa waren zu sehen, so 1892 die Vorführung des "ächten Original Edison Phonographen, allerneueste Construction". Die Ausstellung eines Riesenwals von 65 Fuss Länge und 2'000 Zentner Gewicht, vom 20. bis 22. Januar 1895 lockte so viel Volk an, dass die Kasse übervoll wurde. Der Kassier konnte sich ein feudales Nachtessen leisten und - verschwand anschliessend auf Nimmerwiedersehen! "Nur mit einem Bauch, 8 Beinen und 2 Köpfen, wovon der eine vorne, der andere hinten sich befindet. Zur Welt gekommen in Albeuve, Kt. Freiburg, ferner ein Schaf mit 7 Beinen", so kündigte der "Pfauenwirt" eine Ausstellung an, die vom Sonntag 21. bis 30. Juni 1896 unter dem Titel "Ausstellung des interessanten Doppel-Kalbes" zu sehen war.
Die grosse Popularität des "Pfauen" zeigte sich auch darin, dass die Jubiläumsfeier zum Andenken an den 50jährigen Bestand der Diözese St. Gallen im September 1897 im "Pfauensaal" stattfand.
Doch alles geht einmal zu Ende, am 26. März 1898 war im "Wyler Anzeiger" ganz trocken zu lesen: "Die altrenommierte Wirtschaft zum "Pfauen" mit der von Vereinen viel besuchten Gartenwirtschaft ist dieser Tage durch Kauf um den Preis von 42'000.-Franken an Herrn Konrad Füllemann von Berlingen (Thurgau), derzeit in Uzwil, übergegangen. Noch zweimal finden wir Jakob Urscheler, diesen so überaus initiativen Wirt, im "Pfauen". Doch die gute Zeit neigte sich dem Ende zu. Mit dem aufkommenden motorisierten Verkehr war es auch um 1910-15 mit den Stallungen im "Pfauen" zu Ende. Dank periodisch vorgenommener Restaurationen steht die Liegenschaft auch heute noch gepflegt mit Gartenwirtschaft am alten Standort, ungeachtet des "scharfen" Rankes, den schon manch schneller Automobilist zu spüren bekam.
Mittlerweile existiert der "Pfauen" nicht mehr.
(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)

