Arbeit & Wirtschaft

Restaurant "Linde" bzw. "Linde-Pub"

Gastgewerbe · Arbeit & Wirtschaft

Die Linde ist nicht nur ein wunderbarer Baum, sondern war auch von alters her bekannt als Gerichtsstätte. Auch Volksbelustigungen wurden gerne unter Lindenbäumen abgehalten. Dass die bekannte Linde auch als Wirtshausname Verwendung fand und findet, verwundert nicht. Wenn auch der heutige "Lindenplatz" früher "Waagplatz" hiess, deutet dies nur auf seine Funktion hin, nämlich als Ort der Waage. Sicher stand schon lange eine Linde auf dem Platz, die letztlich der Wirtschaft "Zur Linde" ihren Namen gab.

Die Geschichte der "Linde" beginnt gleich mit einem Kuriosum: 1857 war der Besitzer ein Joseph Lüber aus Kirchberg. Da sich seine Frau Cäcilia von ihm getrennt hatte und nochmals heiratete, vererbte Lüber das Haus halt dem frischgebackenen Ehemann Gall Karrer aus Zuzwil. Ein erster Beleg für einen Gastbetrieb selber findet sich im "Wyler Anzeiger" vom 16. Februar 1873, wo der Wirt und Metzger J. Siegfried zu einem gemütlichen Nachbarschaftsball einlud. Gleichzeitig machte er darauf aufmerksam, dass er Weinessig feil habe, den Schoppen zu 15 Rappen, die Halbe zu 25 Rappen.

Im Lokal neben der "Linde" war aber auch eine Buchdruckerei untergebracht, in der Johann Meyerhans - der Urgrossvater des heutigen Druckereibesitzers - den "Wyler Anzeiger" gründete. Im Februar 1873 wurde so der Öffentlichkeit bekannt gemacht, dass Inserate im "Wyler Anzeiger" spätestens Donnerstag Mittag um 1 Uhr, Einsendungen in den Textteil aber schon Mittwoch Abends beim Verleger im Redaktionslokal "Zur Linde" eingereicht werden müssten. Im selben Jahr im Sommer muss die Fliegenplage besonders gross gewesen sein, empfahl doch die "Buchdruckerei zur Linde" ihr "bestes Fliegentodpapier".

Am 5. Juli 1875 ging die Wirtschaft und Metzgerei an Karl Niedermann über, dessen Spezialität eine vorzügliche Kuttelsuppe war. Sein Nachfolger Joseph Geser war kein Metzger. Als "Chemieverkäufer" erweiterte er dafür das Angebot um chemische Düngemittel aus der berühmten Düngerfabrik Schweizerhalle bei Basel, dazu kamen noch Knochenmehl, Guano, Kali- und Superphosphate. Im Jahr 1877 wurde die "Linde" offiziell "Wein- und Speisewirtschaft". Nach einigen Wechseln übernahm 1880 mit Josef Kilian Scherrer wieder eine stadtbekannte Persönlichkeit die "Linde". Als rühriger Wirt verstand er sich bestens auf die Werbung, "Public Relations" nach heutiger Schreibart. Schon zur Eröffnung am Silvesterabend 1880 empfahl er darum gute Blut- und Leberwürste, wobei in einer Wurst ein 5-Franken-Stück versteckt war. Zum St. Gallischen Sängerfest im August 1882 dichtete er folgendermassen:

"Ein Glas von gutem Rebensaft, Das gibt dem Manne neue Kraft, Und ächt Thurgauer Rebenblut, Das thut gewiss den Sängern gut; Und eine ellenlange Wurst, Das löscht dem Sänger Hunger und Durst."

Im September 1883 wandelte Scherrer die Wein- und Speisewirtschaft um in die "Herberge zur Linde". Damit wurde die "Linde" zur "Taverne" und durfte so Gäste über Nacht beherbergen. "Allen reisenden Handwerksburschen, sowie Jedermann" waren ihre "reinlichen Betten zum gefälligen Zuspruch" empfohlen. Mit dem 2. Juni 1885, wo in der "Linde" der kleinste Mann der Welt mit nur 80 Zentimeter Körperlänge angekündigt wurde, stieg Josef Scherrer ins "Unterhaltungsgeschäft" ein. Dem Mann mit dem Riesenbart, nämlich dem "schönsten und längsten der Welt mit 1 Meter und 70 Centimeter" folgte im gleichen Jahr, 1887, der "Riesenmann Willi Wood", der "grösste und stärkste Mann der Welt". Daneben gab es immer wieder Abendunterhaltungen. Ganz besonderes Aufsehen erregte es im Dezember 1888, als Scherrer ankündigen konnte, dass "von heute an für einige Tage 'eine schöne Negerin" serviere. Für Wil eine Sensation ersten Ranges!

Immer wieder auch wurden Scherrers "Blut- und Frankfurter Leberwürstle" angepriesen, hatte er doch im Mai 1887 zusätzlich noch ein Darm-Depot eingerichtet, wo er "enge und weite" Därme feil bot. Am 12. November 1889 gastierte der grosse Zauberer Jacques Jaeggli mit seiner Zauber-Soiree in der "Linde", während am St. Nikolaustag 1892 der "kolossale Riese Constantin" und wiederum ein kleinster Mann der Welt, "Riccardi", zusammen auf-traten. Vom 27. bis 30. Mai 1893 hatte er "Prinzess Piccolomini" mit ihrem 5 Monate alten Zwergkind in seinem Lokal. Die "Prinzess" wies 80 Zentimeter Körperlänge auf und war vom "Zürcher Ärzte Congress" als das grösste wissenschaftliche Phänomen des 19. Jahrhunderts anerkannt worden. Nach Joseph Kilian Scherrers Abschied im Jahre 1902 wurde es allmählich ruhiger in der "Linde", die Zeit der Sensationen war vorbei.

Nach einer wechsellvollen Geschichte präsentiert sich die "Linde" momentan im Pubstil.

(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)

Bildarchiv (4)

Restaurant_zur_Linde-01.jpgRestaurant_Zur_Linde.jpgLinde-Conca-d-Oro-WZ-27-10-1989.jpgLinde-WZ-August.1990.jpg

Quelle: wilnet.ch