Die Taverne "Zum Engel" kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Erstmals erscheint eine "Tafernenwirtschaft zum Engel" in der Bauamtsrechnung von 1654. Die Wirtschaftsräumlichkeiten befanden sich damals hauptsächlich im 2. Stock. Bereits in der revidierten Zunftordnung der Handwerkerzunft S.S. Sebastiani und Agathae von 1765, wurde der "Engel" zu ihrer Herberge bestimmt. Die Bäcker und Müller, die in dieser Bruderschaft zusammengefasst waren, trafen sich in der Folge regelmässig im "Engel". Im Revolutionsjahr 1797 war er Versammlungsort der gemässigteren, äbtisch gesinnten Bürger, während die Revolutionäre sich im Schützenhaus versammelten. Mit dem "Engel" verbunden war das Hinterhaus an der Grabenstrasse (heute Grabenstrasse 24, Sattler Knöpfel), das durch einen Durchgang zu erreichen war; bereits 1885 war aber der Durchgang im "Alten Engel" bei Busse verboten worden. Das Hinterhaus war ehemals der sogenannte "Storchenstall", der cirka 1750 zum Wohnhaus umgebaut wurde.
Im 19. Jahrhundert verlor der "Engel" zusehends seine Bedeutung als Versammlungsort. In den 80er-Jahren rückte immer mehr nur der Verkauf von Getränken in den Vordergrund, dem um 1890 ein Kleinhandel mit Hüten und Kappen, Schuhen, Tapeten und Bordüren folgte. Zuletzt, nach dem Kauf durch J. A. Nater im Jahre 1891, wurde aus der Wirtschaft "Zum Engel" ganz ein Verkaufsladen. Im Jahre 1877 war er letztmals offiziell als Wirtschaft erwähnt worden. In diesem Jahr wurde auch das Wirtschaftspatent aufgehoben. Als J. Faigle aus Vorarlberg den "Engel" im August 1878 erworben hatte, war bereits keine Bewilligung zu dessen Weiterführung mehr erteilt worden, da Wil damals (1881) 2'947 Einwohner zählte, aber auch 48 Wirtschaften aufwies, d.h. auf je 61 Einwohner eine Wirtschaft kam! Noch heute weist ein Sgraffito von Karl Peterli am Haus auf den ehemaligen "Engel" hin.
(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)