Arbeit & Wirtschaft

Hotel Restaurant "Schwanen"

Gastgewerbe · Arbeit & Wirtschaft

Die Eröffnung eines Restaurationsbetriebes erfolgt in der Regel, um ein Bedürfnis im betreffenden Quartier oder der Strasse abzudecken. Trifft dies zu, gewinnt das Lokal schnell einen wachsenden Kundenkreis und erfreut sich einer steigenden Beliebtheit. Stimmen der freundliche Service, die reellen Preise und die angenehmen Räumlichkeiten, gewinnt diese Wirtschaft weitherum an Popularität. Beim "Schwanen" war diese Harmonie seit Anbeginn gegeben, ja mehr noch. Durch die Initiative praktisch aller Hoteliers, die dem "Schwanen" vorstanden, bildete dieses Haus stets einen Mittelpunkt, ob bei Theateraufführungen, Vorträgen, Ausstellungen oder Tanzveranstaltungen. Wer erinnert sich nicht an die bis in die 70er-Jahre abgehaltenen, sehr beliebten Tanzabende an den Jahrmarktstagen oder an die berühmten "Schwanen"-Maskenbälle zur Fastnachtszeit! Der erste Maskenball im "Schwanen" fand übrigens bereits im Jahre 1877 statt.

Anno 1874 erwarb Ferdinand Moser, der als Kürschner und Kappenmacher mit seiner sechsköpfigen Kinderschar von Gossau SG nach Wil übersiedelte, von Eduard Meile für Fr. 1'890.- ein Grund-stück am "Oberen Bahnhofplatz". Mit grossem Unternehmungsgeist und Weitblick liess er im selben Jahr eine Taverne erbauen, die er "Schwanen" taufte. Als am Sonntag, 2. Mai 1875 die Taverne und Weinhandlung zum "Schwanen" feierlich eröffnet wurde, war dergeschäftstüchtige Moser bereits auch Ziegeleibesitzer an der Bronschhoferstrasse. Die bekannten "Moserziegel" zeugen heute noch davon. Als Ziegelbrenner, Kunstdüngerhändler und Tavernenwirt war er rasch dem Bedürfnis nachgekommen, neben dem "Schöntal" einen zweiten Saalbau zu erstellen. Bereits am Sonntag, 19. November 1876, am Tag des Othmarimarktes, fand im "frischen" Schwanensaal die erste Tanzveranstaltung statt. Gross war denn auch das Lob für Ferdinand Moser, der gemäss Lokalpresse "eine wohnliche Stätte errichtete, die einen längst gefühlten Mangel zu heben im Stande ist."

Mit Pferdestallungen für über 40 Tiere, grossem Saal und Neubau für anspruchsvolle Gäste war der "Schwanen" eine der ersten Adressen Wils geworden. 1879 wurde die nach neuester Konstruktion erstellte Brückenwaage "zur gefälligsten Benutzung" empfohlen. Zum 6. St. Gallischen Sängerfest, das im August 1882 in Wil stattfand, liess Ferdinand Moser auf seinen Torbogen folgende Verse in edler Poesie schreiben:

"Wo ist ein Herz das ruhig schlägt wenn solch' ein Tag die Schwingen regt, Die Harmonie mit ihren Zaubertönen, Erweckt in uns das Reich des Edlen, schönen.

Was sich reckt im Grund der Seele, Sehnsucht, Freude, Leid und Lust.

Drängt sich auf der Töne Schwingen Mächtig aus der Sänger Brust."

Beim Blick auf die Speisekarte jener Zeit fallen vor allem die Preise auf. So war zum Beispiel am Montag, 24. September 1883 bei Ferdinand Moser ein Mittagessen, bestehend aus Tünklisuppe, gesottenem Rindfleisch und Kartoffeln oder Ragout mit Makkaroni für 1 Franken 50 Rappen erhältlich.

Als der Erbauer des "Schwanen" am 18. Januar 1887 seinen Abschied feierte, hinterliess er einen gut geführten, florierenden Betrieb. Sein Nachfolger, der sämtliche Gebäulichkeiten aufkaufte, war Christian Schmöller, der allerdings schon seit Juli 1886 im "Schwanen" eingeführt war. Dieser bekundete aber offensichtlich Mühe beim Führen des Betriebes, so dass bereits im April 1888 Ferdinand Moser wieder aktiv wurde. Mit der "grössten und zartesten Zirkusvorstellung der Welt" im Schwanensaal führte er sich wieder bestens ein. Endgültig verabschiedete sich Ferdinand Mosel im April 1890, indem er den Betrieb für die stolze Summe von Fr.100'000.- an Gottfried Grediger verkaufte. Dieser, ein wahrer Spezialist für Bündner Gizzibraten, setzte auch Bayerische Knödel auf den Speisezettel. Unter seiner Führung wurde die Taverne erstmals als "Hotel Schwanen" bezeichnet. Gottfried Grediger engagierte bekannte Künstler des In- und Auslandes für seine Abendunterhaltungen. Die Attraktion, ja eine eigentliche Sensation in Wil waren u.a. drei Tage mit "HAMPA", einer echten Rothaut vom Stamme der Sioux aus Dakota, die sich mit Pfeil, Bogen und Lasso produzierte. Grediger übernahm 1891 das Depot der Basler Aktienbrauerei. In seine Zeit fällt auch das Aufkommen der Maskenbälle am Schmutzigen Donnerstag, wobei die Kostüme direkt im "Schwanen" von einem Costumeur aus Turbenthal unter Zusicherung "feinster Bedienung" entlehnt werden konnten.

Auf Gottfried Grediger folgte Kaspar Müller, der jedoch bereits nach neun Monaten Konkurs anmeldete. Im Mai 1895 verkaufte Müller an Johann Jakob Meyer, dem aber einige Monate später infolge Betruges das Patent entzogen wurde. Das Gasthaus zum "Schwanen" mit Saalbau, Remisen, Stallungen, Hofstatt und Hofraum mit Brückenwaage wurde am 9. November 1895 in der gegenüberligenden Wirtschaft zum "Freihof" versteigert. Der geschätzte Preis lag bei Fr. 90'000.-, das Angebot der ersten Steigerung bei Fr. 89'000.-. Ein Sohn Ferdinand Mosers erstand das Hotel und verkaufte es ein Jahr später für Fr. 85'000.- an Hermann Schilling. Unter seiner Führung blühte der Betrieb wieder auf. Als "moderner" Hotelier legte er den Grundstein für die gediegene Ambiance für höchste Kundenansprüche. Er gliederte dem Unter-nehmen aber auch eine Holz- und Kohlenhandlung an, die bald beträchtliche Ausmasse annahm. Volle 30 Jahre wirtete Hermann Schilling auf dem "Schwanen", eine Zeitspanne, die erst wieder durch die Dynastie Amstutz ab 1931 erreicht wurde.

Mit Theodor Amstutz aus Engelberg begann diese Ära der Kontinuität. Ihm folgte im Januar 1936 Theodor Amstutz, der vor allem den guten kulinarischen Ruf des "Schwanen" festigte und ausbaute. Im Zweiten Weltkrieg waren verschiedenste Truppenangehörige, aber auch Internierte, im "Schwanen" einquartiert. Die vielen Dankesschreiben aus aller Welt zeugen von bester Unterkunft und beinahe familiärer Behandlung. Ab 1. Januar 1969 übernahm Georges Amstutz den Hotelbetrieb, den er in der Folge 1978/79 und 1984 mit umfassenden Renovationen auf den neuesten Stand brachte. Zum Leidwesen für die Tanz- und Ballsüchtigen in Wil und Umgebung, aber auch für zahlreiche Vereine, musste der Saal 1978 in Ladengeschäfte umgebaut werden.

Mit Georges Amstutz ist der vorläufig letzte Zweig der Familie am Werk, der zwar in der Tradition seiner Vorfahren, aber doch mit eigenen Vorstellungen die Geschicke des "Schwanen" leitet. So bürgt u.a. die Verleihung des Diplomes eines "Maître de Table Restaurateur" im Oktober 1987 an Georges Amstutz für hohe Gastronomie in gepflegter Atmosphäre.

(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)

Bildarchiv (9)

Hotel_Schwanen.JPGHotel_Restaurant_Schwanen.jpgSchwanen-FA03146.jpgSchwanen_Hotel_1908.jpgSchwanen-Rombach-WN-21-12-1978.jpgSchwanensaal.jpgFD065067.jpgSchwanen-Kulinarische-Wochen-1970.jpgSchwanen-Kulinarische-Wochen-1971.jpg

Quelle: wilnet.ch