Im Jahre 1830 erbaute der umsichtige Kreisammann von Mosnang, Johann Baptist Müller, am Nordostrand des Dorfes ein grosses Schützenhaus. Verärgert über seine weniger unternehmungslustigen Mitbürger, die seinen Antrag abgelehnt hatten, die Verbindungsstrasse Toggenburg-Zürcher Oberland über die Hulftegg zu bauen, zog er weg von Mosnang und übersiedelte mit der ganzen Familie, Frau und 13 Kindern, mit Hab und Gut am 18. April 1833 nach Wil.
Zur Zeit der grossen Strassenkorrektion durch Negrelli um 1835 lies der impulsive Kreisammann Müller das Schützenhaus in Mosnang abbrechen und an der alten Landstrasse nach Winterthur, vor den Toren der Wiler Altstadt, die gerade abgerissen wurden, als Hotel "Schöntal" wieder aufbauen. Leider ergaben sich bei der Strassenkorrektion für das neuerstellte Hotel durch Abgrabungen und Aufschüttungen grosse Nachteile. Mit Stiegen und Stegen musste der Anschluss an die Landstrasse hergestellt werden. Trotzdem wurde es ein prächtiger Bau!
Die feierliche Eröffnung des damals bedeutendsten Gasthauses auf dem Platze Wil war am 17. April 1836. Nachdem sein Bruder Josef Ambros Müller schon im August 1835 das Wirterecht für den von ihm erbauten "Freihof" an der heutigen Schwanenkreuzung erhalten hatte, bewarb sich Kreisammann Müller 1836 ebenfalls umdie Bewilligung zur Führung einer Tavernenwirtschaft. Die Müllers aus Mosnang setzten in Wil Zeichen, liessen sie doch auch die "Krone" in Mosnang abbrechen und als Jacquardweberei in Wil aufstellen. Heute beherbergt sie das Spezialgeschäft "Stiefel" an der Toggenburgerstrasse. Auch das Restaurant "Rössli" wurde um diese Zeit von den gleichen Bauherren gebaut, ebenso wie die Gebäulichkeiten der Filzfabrik an der Lerchenfeldstrasse und das Restaurant "Neuschönthal" am Bahnhofplatz.
Nach dem Tod seiner Frau am 5. Januar 1838 überliess der erst 51jährige Kantonsrichter Johann Baptist Müller im April 1839 das "Schöntal" mit grosser und kleiner Remise, Waschhaus, Holzhaus, Hühnerhaus, Garten, dem dazugehörigen Platz, Baumgarten und Hühnerhof seinem Sohn Johann. Das Jahr 1842 brachte für Johann Jakob die Übernahme der Posthalterei, die damals noch vom Kanton verpachtet wurde. Stallung und Unterhalt der manchmal über zweihundert Pferde und des Wagenparkes verlangten des öfteren Umbauten und Verbesserungen an den Ställen und Remisen. In den 50er-Jahren fanden Post und Telegraph Unterkunft in den erweiterten Remisen. Trotzdem fand Johann Jakob Müller noch Zeit für den Weinbau, die Landwirtschaft, die Jagd und auch für die Tätigkeit als Vermittler und Gemeinderat. Mit seinem Bruder produzierte er den "Hofberger"-Wein, im Gegensatz zum "Wyiberger" der Ortsbürger.
Da noch keine Eisenbahn bestand, war die Postkutsche das meistgebrauchte Verkehrsmittel. Die Posthalterei "Schöntal" war gerüstet, hohe und höchste Gäste aufzunehmen. So gastierte in jener Zeit der Erzbischof von Freiburg im Breisgau im "Schöntal", anno 1842 war eine fürstliche Gesellschaft zu Gast. Während des Pferdewechsels kehrte der Fürst im Gasthaus ein und bestellte - Spiegeleier. Als Jakob Müller die Rechnung präsentierte, bemerkte seine Durchlaucht: "Herr Wirt, sind bei Ihnen die Eier so rar?" - worauf Jakob verbindlich lächelnd sich verbeugte: "Nein, Euer Durchlaucht, die Eier nicht - aber die Fürsten!" Der schlagfertige Humor, eine saubere Führung des Gasthauses und die stets freundliche Bedienung waren die typischen Charakterzüge Jakob Müllers. Selbst im Weberschen Reise- und Handlexikon von 1854 war zu lesen: "Gasthof zum Schönthal (Bes. Müller) an der Landstrasse nach Winterthur, vor der Stadt draussen, enthält elegante Speise- und Familiensäle, gut meublierte Gastzimmer und Stallungen und Remisen. Deutsche und französische Zeitungen und Zeitschriften sind zur Unterhaltung aufgelegt, Pferde und Wagen zur Verfügung der Reisenden. Die Bedienung ist sehr gut und beobachtet Alles, was auf den Comfort Bezug hat".
Nachdem 1855 die Bahnlinie Winterthur-St. Gallen eröffnet wurde, war es auch der Müller zum "Schönthal", der die erste Pferdebahn, einen "Pferde-Omnibus" einführte. Der Pferde-Omnibus soll noch lange nach dem Bau der Bahn zwischen dem "weitabseits gelegenen" Bahnhof und dem "Schönthal" verkehrt haben, um die Reisenden nach der anstrengenden Bahnfahrt möglichst rasch und bequem in die gastlichen Räume zu bringen. Trotzdem brachte die Eisenbahn grosse Einbussen im Fahrgeschäft. Jakob Müller war umsichtig genug und konnte sich den neuen Gegebenheiten anpassen. In der Zeit zwischen 1856 und 1859 baute er beim Bahnhof den kleinen Gasthof "Neuschöntal", den er verpachtete. Zudem beteiligte er sich am Aktienkapital der Eisenbahn. Im Familienkreis aber hiessen Johann Jakob und seine Nachkommen für lange Zeit die "Schönthaler".
Am 22. Dezember 1876 übernahm Walter Arnold Müller das "Schöntal". Zusammen mit seiner Gattin Elise Senn gehörte er 1891 zu den ersten Telefonabonnenten in Wil. Nach seinem Tod im Jahre 1911 führte seine Frau das Hotel weiter. Mit ihrem Tode 1923 ging die Ära der "Müller zum Schönthal" zu Ende.
Im Zuge der Umbenennung der Winterthurerstrasse in "Obere Bahnhofstrasse" enstand eine rege Bautätigkeit, neue Gebäude entstanden und plötzlich passte das alte Schützenhaus nicht mehr in die neugestaltete Umgebung. Obwohl ein sanfter Vorstoss unternommen wurde, den Bau abermals zu zerlegen und andernorts wieder aufzustellen, scheiterte das Vorhaben an der fortgeschrittenen Baufälligkeit der Liegenschaft. Am Abend des 17. November 1967 lag ein Gebäude aus längst vergangener Zeit - das alte Hotel "Schöntal" - fachkundig zerlegt und zertrümmert am Boden. Neues sollte aus dem Schutt entstehen - der "Centralhof".
(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989)





















