In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaute Richter Josef Anton Gähwiler, der 1790 aus dem benachbarten Rickenbach nach Wil gezogen war, an der Marktgasse 29 ein stattliches Bürgerhaus. Besonders die zierlichen Arkaden und die schöne Türanlage mit dem prächtigen Löwenkopf springen ins Auge. Ab 1833 wurde das Haus erstmals als "Eisenrings Kaffeestube" erwähnt. Joachim Eisenring-Bokstorf führte die kleine Konditorei volle 40 Jahre, daneben betrieb er ein Ladengeschäft mit Textilien, wobei er besonders Blusen und Jacken für Männer, rohe und gebleichte Leinwand und Baumwolltücher, aber auch eine grosse Auswahl an "Indienne, Pique, Cottone und Kölsch" führte. Aber auch Zucker, Kaffee und Zichorie gehörten zum Verkaufsprogramm. Altershalber übergab Joachim Eisenring im Jahre 1873 seine Konditorei an den aus der Fremde heimgekehrten Vetter Jakob Idtensohn.
Im Juni 1873 übernahm dieser die gut eingeführte Konditorei. Von nun an hiess sie auch "Konditorei Idtensohn", ebenso wie das Gebäude als "Haus Idtensohn" bezeichnet wurde. Jakob Idtensohn war ein tüchtiger Berufsmann, seine "Örle-Küchle", Berliner Pfannkuchen und Schweizer Rosenküchli zur Fastnachtszeit waren ebenso bekannt, wie sein gefülltes Cremebackwerk. Daneben beschäftigte er sich mit der Herstellung von Vogelfutter zur Aufzucht von jungen Vögeln. Diese Tätigkeit trug ihm im April 1882 sogar ein Dankesschreiben "seiner k.k. Hoheit des Kronprinzen Rudolf von Österreich" ein, der ihm in seinem "allerhöchsten Hand-schreiben" Dank und Anerkennung aussprach! Zum 6. St.Gallischen Sängerfest in Wil im August 1882 schrieb Idtensohn an sein Haus:
Kommt der Sänger froh nach Haus, Suchen die Kinder die Taschen aus, Fragen ihn gar schlau und fein:
"Vater, hast kein Krämelein?"
Das "Haus Idtensohn" blieb in den Händen der Familie bis 1937. Am 28. Januar 1938 übernahm der junge Konditor Konrad Berlinger aus Degersheim den Betrieb und nannte ihn neu "Café Berlinger". Als er das Cafe kaufte, war im ersten Stock noch eine Wohnung und im Geschäft nur ein Tischchen mit drei Stühlen. Berlinger liess oben zum Cafe ausbauen und zum Glück die schöne Decke restaurieren, anstatt sie, wie vorgesehen, herunter zu reissen. Im Jahr 1983 trat Konrad Berlinger in den wohlverdienten Ruhestand und übergab den Betrieb an Kurt Koller, der nun das traditionsreiche "Café Berlinger" weiterführte.
(Olbrich, Willi; Gastliches Wil, Wil 1989) Das "Berlinger" ist seit einigen Jahren geschlossen.








