Kultur

Wiler Pfingstprozession

Brauchtum & Feste · Kultur

Es sind über 550 Jahre her, seit die Wiler Bevölkerung, die Behörden und die Geistlichkeit in einer Pergamenturkunde eine Prozession zu Pfingsten stifteten. Dies aus Dankbarkeit darüber, dass sie in den Wirren des "Alten Zürichkrieges", der besonders im Jahr 1445 mit der Belagerung der Stadt Wil einen Höhepunkt erreichte, vor Einnahme und wahrscheinlicher Brandschatzung verschont blieben.

Der "Alte Zürichkrieg" in unserer Gegend war vor allem ein Kleinkrieg, mit Handstreichen und Streifzügen hie und da, mit kleinen Gefechten und vor allem mit "Zleidwerchen". Die Eidgenossen, besonders Schwyz, einerseits und Zürich und Österreich andererseits waren die Kontrahenten, Wil als Verbündete der Schwyzer hielt treu und wie die Quellen berichten, kampfesfreudig zu Schwyz.

Am 12. Mai 1445 nun griffen die Zürcher mit Feuerpfeilen und Feuerkugeln Wil von Süden her an und setzten die Obere Vorstadt in Brand. Acht Tage später, am Mittwoch nach Pfingsten, rückten die Feinde gegen Mitternacht wieder vor. Deren kommandierender Offizier Hans von Rechberg liess vom Scheibenberg und von St. Peter her die Stadt bis gegen Tagesanbruch beschiessen. Die Wiler machten sich schon auf einen entscheidenden Angriff gefasst - da rückte Rechberg völlig überraschend ab und zog eilig gegen Westen ab. Ueber die Gründe für den Abzug kann nur gerätselt werden, doch scheinen zum einen der missglückte nächtliche Ueberfall, die starke Gegenwehr der Wiler, die massiven Verluste und zum anderen die immer grösser werdende Gefahr eines Zweifrontenkrieges, da inzwischen das mit Wil verbündete Toggenburg mobilisiert hatte, diesen Entscheid verursacht zu haben. Für die Wiler jedenfalls hatte diese Errettung nicht nur irdische Gründe. In der leider undatierten, aber der Schrift nach zeitgenössischen Stiftungsurkunde der Pfingstprozession wird darum ausdrücklich festgehalten, dass die Wiler " ... in den grossen Nöten, do ruofften wir an mitt ganzem Fliss und Ernst den allmaechtigen Gott, die kungliche Mueter und ewige Magd Marien, den lieben trüwen Hussherren und Hussvatter Sant Gallen, dem disse Statt Wyl zu gehört, und die lieben Junkfröwen Sant Agten, und all ander Hailgen, die hie zu Wyl Patroni und Hussherren sind, und in deren Ere die Altar hie ze Wyl gewicht sind, und öuch gemainlich alle Gottes Hailigen das sy uns zuo Hilff und Trost woelten kömen in dissen grossen Jammer und Noeten, ... " Das Flehen wurde erhört und die Wiler zeigten ihre Dankbarkeit mit der Einrichtung der Pfingstprozession. Im Laufe der Jahre wurde sie von Donnerstag in der Pfingstwoche auf Dienstag, letztlich auf den Montag verschoben. Die Busse, die bei Nichtteilnahme ausgesprochen wurde, besteht nicht mehr, ebenso wie die Brot- und Weinspende an die Bevölkerung, während aus den Fenstern des einstigen Heiliggeistspitals bei der Stadtkirche Nüsse und Dörrobst unter die Jugend geschüttet wurde.

Werner Warth, Stadtarchivar

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Quelle: wilnet.ch