Bereits 1886 finden Unterhandlungen statt mit dem damaligen Besitzer der oberen Mühle. Auf dem sogenannten oberen Weier ist eine Badanstalt mit massivem Unter- und Oberbau aus Holzkonstruktion projektiert nach Plananfertigung durch Architekt Pfister. Vorgesehen sind zwei Abteilungen mit je zwei Schwimmbassins, 8 bis 10 Einzelzellen, 10 Ankleidezellen, ein Abwartzimmer und Abort. Kostenvoranschlag 12'500 Franken. Wasserbezug vom Mühlebach. Das Projekt hätte auf privater Basis realisiert werden sollen mit der Ausgabe von 300 Aktien à Fr. 50.- "von denen man die Übernahme eines grösseren Teils durch die politische, Schul- und Bürgergemeinde erhoffte." Bevor das Projekt realisiert werden kann, stirbt der Besitzer der oberen Mühle. So muss "von der Ausführung Umgang genommen werden. Nun zieht man den unteren Weier in Betracht. Die Versammlung gewährt dem Comité den Kredit für die entsprechenden Vorarbeiten" (HV 21.3.1907)."Es wird bekannt gegeben, dass der Gemeinderat unter Vorbehalt der Genehmigung durch die Gemeindeversammlung vom Baukonsortium der Untermühle den unteren Weier angeschafft hat" (Comité 15.3.1910). An der Vorstandssitzung vom 4.9.1917 kommt das Projekt einer Badanstalt erneut zur Sprache. "So wünschenswert die Verwirklichung des schon oft erwähnten Postulates wäre, kann in der heutigen Zeitlage nicht daran gedacht werden, sondern muss auf die zu erhoffende bessere Zeit verschoben werden." An der HV vom 3.12.1920 rät ein Votant "von der Benützung des Stadtweiers für diesen Zweck" (für die Badanstalt) ab, dafür bringt er "einen Platz in der Thurau, in der Nähe des Militärschiessplatzes in Vorschlag, mit Wasserzuleitung aus der Thur, von Schwarzenbach her." Es wird zur Kenntnis genommen, dass der Gemeinderat "eine Kommission mit dem Studium der Angelegenheit beauftragte." Der Gemeinderat betont, "dass Wil eben ausserordentlich schlecht mit den Wasserverhältnissen für eine Badanstalt bedacht sei und dass die Errichtung von Badanstalten auch andernorts sehr hohe Summen erforderten, die derzeit noch nicht aufgebracht werden können." Am besten sei es zur Zeit, die Badegelegenheit an der Thur zu verbessern mittels einer "Garderobegelegenheit" (HV 6.6.1924). Zum Thema Badanstalt findet am 25.7.1924 im Restaurant Neubrücke eine "offizielle Diskussionsversammlung" statt. Dazu der lapidare Kommentar, dass "viele nützliche und wegleitende Anregungen gemacht worden sind."
Die Wasserbeschaffung Als Grundbedingung für das "längstgehegte Badanstaltprojekt" wird die Sicherung des Wasserzuflusses aus dem Hasenlooweier bezeichnet (Vorstand 22.6.1928). Mit der Prüfung der Wasserbeschaffung wird Ingenieur Hugentobler in St.Gallen beauftragt (Vorstand 9.5.1930). Die Kosten dafür werden von der "Gemeindekasse" übernommen (Vorstand 9.5.1930). Der Erwerb des Hasenlooweiers samt den Wasserrechten käme auf Fr. 8'000.- zu stehen (Vorstand 22.7.1930). Bald entwickelt man auch Vorstellungen über die Finanzierung, z.B. dass "1/3 die politische und die Ortsbürgergemeinde, 1/3 die Schulgemeinde und 1/3 durch freiwillige Beiträge" übernommen werden könnten (Vorstand 26.6.1930).
Die Lage und die Kostenfrage Am 31.7.1930 versammeln sich im Wilden Mann 8 Mitglieder des Gemeinderates, 4 des Schulrates, 3 der Ortsbürgerverwaltung und der Vorstand des VVW zur Besprechung von Lage, Wasserbeschaffung, Grösse des Bassins, Kosten und Geldbeschaffung sowie Betriebskosten. Zur Lage: In Frage kommen "die Grundstücke der Geschwister Maier zur Oberen Mühle und des Herrn Stiefel zum Hof." Beide Grundstücke sind östlich des Weierdammes, in der Nähe des Eisbahnplatzes gelegen" (HV 10.10.1930). Zur Wasserbeschaffung: Die Gerberei Hilzinger protestiert gegen eine "Wasserentnahme für die Badanstalt aus dem Bach vor ihrem Geschäft" (Vorstand 26.9.1930). Dr. Remigius Kaufmann erhält den Auftrag "zur Überprüfung der Frage betr. die von der Firma Hilzinger, Gerberei in Breitenloo, geltend gemachten Wasserrechte" (Vorstand 7.11.1930). Kosten und Geldbeschaffung: An die auf Fr. 100'000.- geschätzten Gesamtkosten will der Gemeinderat Fr. 20'000.- à fonds perdu beitragen, ohne für "weitere Eventualitäten aufzukommen." Für mehr Geldmittel müsste eine Steuererhöhung ins Auge gefasst werden, "was wohl bei den schlechten Zeiten nicht wohl angehe." Schulgemeinde und Ortsverwaltungsrat bekunden wohl ihre Sympathie für eine Badanstalt, glauben jedoch, dass "keine grossen Opfer aufgebracht werden können" (Versammlung vom 31.7.1930). Wir werden gleich erfahren, dass kurz darauf diese Beiträge weit grosszügiger ausfallen. Vizepräsident P. Truniger erhält den Auftrag, an der Schulgemeinde den Antrag einzubringen, dass der Schulrat ermächtigt werde, "10'000 Franken (aus dem Ueberschuss der Schulrechnung) der Badanstalt zuzuwenden, eventuell noch mehr aus dem Bauwesenfonds" (Vorstand 26.9.1930). Die Schulgenossenversammlung vom 28.9.1930 beschliesst einen Beitrag von Fr. 10'000.- (HV 10.10.1930). Die Bürgerversammlung der politischen Gemeinde beschliesst an der Rechnungsgemeinde vom 26.10.1930 einen Beitrag von 50%, höchstens aber Fr. 50'000.- "an die zu schaffende Badanstalt" (Vorstand 7.11.1930). Die Ortsbürgerversammlung vom 16.11.1930 beschliesst "einen Beitrag von Fr. 5'000.- à fonds perdu" (Vorstand 27.11.1930). Der Regierungsrat des Kantons St.Gallen beschliesst am 22.12.1930 einen Beitrag von 25% der Lohnsumme, höchstens aber Fr. 8'500.-. Am 18.2.1931 werden 159 Zeichnende von Fr. 21'350.- Aktien und Fr. 3'555.- à fonds perdu registriert. Ob die projektierte Badanstalt "vom Standpunkte des Schwimmlehrers aus für die Erteilung von Schwimmunterricht befriedige", soll als Experte Armand Boggart, Schwimmlehrer in St.Gallen, prüfen, das Ingenieurbüro Salzmann in Solothurn die technische Anlage. Insbesondere soll die Frage geklärt werden, "ob das Wasser des Krebsbaches für die Badanstalt benötigt werde" (Vorstand 27.11.1930). A. Boggart empfiehlt ein Bassin von 50 m Länge und 25 m Breite. Der heutige Eisweier komme als Baugrund nicht in Frage, "da dort das Terrain zu sumpfig sei" (Vorstand 19.12.1930). In seinem Expertenbericht rät Ingenieur Hugentobler in St.Gallen davon ab, die Badanstalt in einem natürlichen Weier zu erstellen "wegen der grossen Schwierigkeiten in der Reinhaltung des Wassers" (Vorstand 19.12.1930). O. Stiefel zum Hof offeriert "seine Weierwiese mit ca. 27'000 m2 zum Preis von Fr. 15'000.-." Die Geschwister Maier "haben ihre ursprüngliche Forderung von Fr. 2.- auf Fr. 1.- pro m2 reduziert." Mit Eduard Maier wird denn auch ein Kaufvertrag abgeschlossen, der das Kaufrecht festhält "für ca. 7'500 m2 Wiesland nördlich des Krebsbaches zum Preis von Fr. 1.- pro m2." E. Maier verpflichtet sich, bei einem allfälligen Verkauf für Fr. 700.- Aktien der Badanstalt AG "an Zahlungsstatt anzunehmen" (Vorstand 18.2.1931).
Schlussspurt Es werden Offerten für eine Filtrieranlage eingeholt (Vorstand 19.12.1930). Mit der Ueberprüfung der vier eingegangenen Offerten wird Walther Grimm, Direktor des Gas- und Wasserwerkes St.Gallen, beauftragt. Der erste Verwaltungsrat setzt sich zusammen aus: Den Vertretern des Gemeinderates Gemeindeammann Dr. Ernst Wild und Gemeinderat Otto Meng; den Vertretern des Schulrates Schulratspräsident Dr. med. Josef Bannwart und Schulrat Hirschy; den Vertretern des Vorstands des VVW Architekt Paul Truniger, Direktor Robert Leutenegger und Rechtsanwalt Dr. Remigius Kaufmann; ferner Turnlehrer Gallus Schenk (der später in Wil als Musikdirektor wirkte) und Lehrer Otto Frei (seinen Schülern und den Badegästen als grosse Gestalt beim Baden mit einem für die damalige Zeit gewagten "Dreispitz" als Badehose in Erinnerung). Mit Schreiben vom 9.2.1931 teilt der Gemeinderat mit, dass das nötige Wasser für die Badanstalt auf 10 Jahre unentgeltlich aus dem Niederdruckwerk zur Verfügung stehe. Ein Mehrbedarf könne gegen entsprechende Bezahlung von der städtischen Wasserleitung bezogen werden. Die Kosten der Zuleitung sind von der Badanstalt AG zu tragen (Vorstand 18.2.1931). Es ist eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass man von der etwas exotischen Idee abgekommen ist, das Wasser vom Krebsbach zu verwenden. Die neueste Kostenrechnung ergibt einen Aufwand von ca. 150'000 Franken, der auf 130'000 Franken reduziert werden soll. Die nicht durch Aktienkapital und Beiträge gedeckten Kosten sollen durch ein Hypothekaranleihen beschafft werden (Vorstand 18.2.1931). Am 24. Februar 1931 findet die Gründungsversammlung der Badanstalt AG statt. Die Badanstalt ist am 8. August 1931 dem Betrieb übergeben worden.Zu Handen des Protokolls wird dem Verkehrsverein und dessen Vorstandsmitgliedern vom Verwaltungsrat für die Mitarbeit bei der Gründung der Badanstalt Dank ausgesprochen. "Der Präsident konstatiert, dass mit der Schaffung der Badanstalt eine Frage ihre Lösung gefunden habe, welche den Vorstand schon ca. 50 Jahre beschäftigt habe" (HV 3.12.1931). Auch hier gilt: Gut Ding muss Weile haben.
(aus: 125 Jahre Wil Tourismus 2009)
