Kultur

Verein Interessengemeinschaft Freizeitzentrum Wil 1975 - 1977

Alternative Kultur · Kultur

Vorgeschichte 1974 Per Beschluss durch Pfarreirat und Kirchenverwaltungsrat wird die Discothek geschlossen, welche sich im UG des katholischen Pfarreizentrums Wil befindet und von der losen Personengruppe "Schublade Wil" geführt wird. (siehe "Schublade Wil) Die Betroffenen lassen sich jedoch nicht entmutigen. Die "Schublade Wil" bleibt als autonome Interessengruppe bestehen und organisiert weiterhin diverse Anlässe. Die mittlerweile schon traditionellen Popkonzerte finden nach wie vor zwei mal jährlich im grossen Saal des Pfarreiheims statt. Sympathie und der Zustrom der Jugendlichen aus Wil und Umgebung sind ungebrochen.

Was die einen ärgert und die anderen wehmütig stimmt, ist, dass es für viele Jugendliche keine "feste Heimat" mehr gibt. So trifft man bei vielen Jungen auf fruchtbaren Boden, als sich die Idee in den Köpfen festsetzt, eine geeignete, leerstehende Liegenschaft zu suchen und den Bedürfnissen der Leute entsprechend umzubauen. Weil klar erkannt wird, dass bei vielen, vorab jüngeren Leuten, Bedürfnisse dieser Art bestehen, und der Bedürfnisnachweis durch die vielen Diskothek- und die Konzertbesucher gegeben scheint, kommt bei Diskussionen die Stadt als mögliche Trägerschaft eines solchen Projektes ins Spiel. Vor allem auch, weil die Jugendlichen, die meisten sind Lehrlinge oder Schüler, von den Gemeindebehörden mehr Engagament für ihre Anliegen fordern.

Erste Kontakte mit der "Gemeinde Wil"

Die ersten Kontakte mit der Gemeinde erweisen sich als schwierig. Die Stadtväter gehen erst mal nicht auf das konkrete Anliegen ein, und entgegenen, dass sich "die Form einer nicht fassbaren Gruppierung wie die Schublade gar nicht eigne, mit derartigen Wünschen und Vorstellungen an die Gemeindbehörden zu gelangen. Es wäre angebracht, dem autonomen Grüppchen (Schublade Wil) eine andere Struktur zu geben".

Gründung Verein "Interessengemeinschaft Freizeitzentrum Wil" am 10. April 1975 Als Konsequnenz der ersten Kontakte mit den Behörden der Gemeinde Wil, wird der Verein "Interessengemeinschaft Freizeitzentrum Wil" gegründet, mit dem Zweck:

* Schaffung und Betrieb eines Jugend- und Freizeithauses in Wil, das, politisch und konfessionell neutral, allen Personen zur Gestaltung der Freizeit zur Verfügung steht.

Vereinstätigkeit 1975 - 1976 Im ersten Vereinsjahr, mittlerweile hat der Verein 46 Mitglieder, laufen ganz verschiedene Sachen ab:

Aktionen Von Pfingsthappening über Wanderweekend, Kunstaustellung "Junge Kunst im Hof", Vortrag über eine Flossfahrt auf der Donau, Freizeitmarkt in der Tonhalle, Clownaktion am Fasnachtsumzug und vor allem eine ganz eindrückliche Aktion am Heiligabend.

(Mit dem Hackbrettspieler Töbi Tobler und Peter Földi am Kontrabass, sowie Mitgliedern des Vereins voll beladen mit kleinen Geschenken gings an Heiligabend in die handvoll offenen Beizen um mit "Heimatlosen" den Abend feierlich zu geniessen.) Gemeinde Wil Der Kontakt mit den Gemeindebehörden gestaltet sich schwierig. Die Behörden betreiben eine Hinhaltetaktik. Bei der ersten persönlichen Ausprache mit einer Abordnung des Stadtrates am 8. August 1975 fällt von der Seite der IG Freizeitzentrum her ein konkreter Vorschlag bezüglich eines geeigneten Objektes an einem guten Standort: Das als Materiallager benutzte städtische Gebäude "obere Mühle" an der Hofbergstrasse. Der Stadtrat nimmt den Vorschlag zur Kenntnis.

Zusammenarbeit mit der "Freien Aktion"

Die "freie Aktion" ist eine kleine Gruppierung von Leuten (alle älter als die Aktivmitglieder der IG Freizeitzentrum), welche sich zum Ziel gesetzt hat, das stillgelegte Gaswerk an der Hubstrasse in ein Kulturzentrum umzuwandeln. Die IG Freizeizentrum Wil ist mit mittlerweile mit der "Freien Aktion" vernetzt, um Infos auszutauschen.

1976 - das Jahr der Entscheidungen Die Wiler Behörden findet am Projekt "Gaswerk" der Gruppe "Freie Aktion" gar keinen Gefallen, schlagen dieser aber einige Gebäude vor, die sich zum Umbau in ein Freizeitzentrum eignen würden. Darunter auch die "obere Mühle". Im Februar 1976 überlässt die Gemeinde Wil die obere Mühle bis Ende Jahr der "Freien Aktion" zur untentgeltlichen Benützung. Zu diesem Zeitpunkt hat die Gruppe "Freie Aktion" noch 6 Mitglieder, die IG Freizeitzentrum Wil deren 46 !

Bei der IG Freizeitzentrum löst der Entscheid von Seiten der Gemeindebehörden Konsternation und Kopfschütteln aus. Anfangs leisten dann trotzdem noch viele Aktivmitglieder Fronarbeit bei den ersten Umbauarbeiten, unter der Führung der "Freien Aktion". Diverse Quelereien innerhalb der "Freien Aktion", den Umbau der oberen Mühle betreffend, bringen das Umbauprojekt fast zum Scheitern. Aufgrund solcher Vorfälle ziehen sich die meisten Aktivisten der IG Freizeitzentrum aus dem Projekt "obere Mühle" zurück.

Ende 1976 ist auch die Aera der "Freien Aktion", betreffend obere Mühle, Vergangenheit.

Was weiter geschieht Die Stadt Wil beendet schlussendlich den Umbau der obere Mühle in eigener Regie. Das "Chleeblättli", eine Gruppe von vier Jugendlichen der nächsten Generation, übernimmt noch während des Umbaus neu die Organisation von diversen Veranstaltungen in der oberen Mühle für Leute ihres Alters.

Der Verein "Interessengemeinschaft Freizeitzentrum" besteht noch einige Zeit weiter, punktuell werden noch Anlässe wie Kunstaustellungen im Hof organisiert, sowie einige Konzerte im katholischen Pfarreizentrum veranstaltet. 1978 wird der Verein aufgelöst.

Im gesellschaftlichen Gefüge rumort es einmal mehr. In manchen kleineren und grösseren Schweizer Städten laufen ähnliche Geschichten wie in Wil. Noch ist der Deckel auf dem Dampfkessel. Aber ab dem Jahr 1980 kommt viel Bewegung, vor allem in die grösste Stadt der Schweiz!

Tuli Eugster 2004

Bildarchiv (6)

Freie_Aktion_Wil_Gaswerk.jpgFreie_Aktion_Wil_Zwist_in_der_Oberen_Mhle.jpgIG_Freizeitzentrum_Wil_-_Jahresbericht_1975-1976.jpgIG_Freizeitzentrum_Wil_-_Statuten.jpgGaswerk-WZ-08-12-1975.jpgGaswerk-WZ-12-12-1975.jpg

Quelle: wilnet.ch