Der obere, runde Wehrturm, auch Lederturm genannt, wurde im Gegensatz zum unteren Turm erst 1533 mit der angrenzenden Stadtmauer durch Abt Diethelm Blarer von Wartensee erbaut. Offenbar muss hier jedoch schon vor dieser Zeit ein Wachtturm gestanden haben, da die Bezeichnung "Leturm" bereits im 15. Jh. hundert verschwindet und vermutlich erst der neu erbaute "Lederturm" seinen Namen ab 1533 erhielt. In den Ratsprotokollen, die zu Beginn des 16. Jh. einsetzten, ist immer nur vom "Lederturm" die Rede. Er diente als städtisches Gefängnis (nur "Kurzzeit-Aufenthalte"), und wurde auch "Diebesturm" genannt. So sprach z. B.1621 der Rat eine Gefängnisstrafe im "Lederturm" für zahlreiche junge Burschen aus, die sich in der Fasnacht unerlaubterweise als "Butzen" verkleidet hatten. Der Lederturm am Bergliweg, weit in die Landschaft schauend, wäre auch heute noch ein stattliches Gebilde, wenngleich die Funktion als Verteidigungszweck ausgedient hatte. Ein aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammendes Aquarell zeigt die alte Stadt Wil von der Ostseite mit dem Lederturm, der etwas aus der Mauerflucht herausragt. Solange der Feind mit Pfeil und Bogen, Lanzen (Glennen) und Hellebarden auf Städte eindrang, widerstanden die geraden Mauern der rechteckigen Türme vortrefflich. Als man aber grössere Belagerungsmaschinen anzuwenden begann, mit denen mächtige Steine geschleudert werden konnten, mussten zum Schutze der Bevölkerung geeignete Gegenmassnahmen getroffen werden.
Beim gedeckten Rundturm sind deutlich die Schiesslucken für Musketen sichtbar, während für die grösseren Tarrasbüchsen breitere Maueröffnungen herausgebrochen wurden. Dadurch entstand oftmals eine nicht geringe Schwächung der Mauer oder des Turmes. Der Wehrgang ist stellenweise überdacht. Die ausgeweiteten Maul-Schiess-Scharten für die Geschütze lassen einerseits erkennen, dass in kriegerischen Zeiten der am meisten gefährdete Eingang verstärkt geschützt werden musste, andererseits ging die Zeit der Bogen- und Armbrustschützen zu Ende. Die Feuerwaffen, die lange Muskete, die Hakenbüchse oder die groben Geschütze, zwangen die Stadt förmlich zu verstärkten Verteidigungsmassnahmen. Im einzelnen weiss man aber nicht genau, wer die Befestigungsanlage plante. Vielleicht haben hier auch noch die "Fachleute" des Abts mitgeredet. Der Lederturm wurde im Jahre 1870 abgetragen.
(Olbrich, Willi, Der obere Turm oder Lederturm, Befestigungsanlagen der Stadt Wil, Wil 1983)
